Zu Hause angekommen, habe ich Schuhe und Strümpfe ausgezogen, die Strümpfe weggeworfen, die Schuhe behalten und mich gefragt, ob ich heute tatsächlich fünf Klavierkonzerte gehört habe, mich kurz besonnen und es in meinem Kopf bestätigt gefunden, in der Tat fünf, nämlich beide Ravel-Konzerte und die drei Bartók-Konzerte, in der seltsamen Reihenfolge 2, 1, 3, 1, 2.
Ich hatte über Stunden eine anspruchslose Arbeit getan, deren Volumen ich von Zeit zu Zeit mit einem kleinen Suchprogramm überprüfte und stetig vergrößert fand, so als wäre das Abarbeiten eigentlich ein Aufarbeiten oder Hochtürmen; als sie schließlich geschafft war, hat es mich überrascht, aber es war mir egal. Zwischendurch funkte der Bot seine Planks-und-Pushups-Erinnerung.

Die Jahrestage habe ich bis Band 3 einschließlich gelesen, der abschließende Band liegt schon bereit, furchtbar klein gedruckt (Unseld der Geizkragen). Ich hoffe, die Neuedition im Rahmen der Rostocker Werkausgabe wird auf eine größere Schrifttype zurückgreifen, so wie es jetzt auch Jung und Jung mit dem Mann ohne Eigenschaften gemacht hat, Gott sei Dank. Ich war immer der Meinung, man müsse manchen Verlagen das Sorgerecht über einzelne ihrer Autoren entziehen. Rowohlt hat Musil nicht verdient.
Um mich von Johnson zu erholen, der mir mit seinem Kunstzwang und seiner Materialverbissenheit auch auf die Nerven geht, habe ich das neue Buch von Peter Stamm gelesen, das gute Kritiken bekommen hat, aber – so gerne ich es gelesen habe – es ist doch ziemlich mau und mit dem Zuklappen auch schon vergessen, dem Stoff nach übrigens mehr eine Erzählung als ein Roman; für den Kitschtitel rollt mit den Augen geht der Dank an die S. Fischer-Marketingabteilung.
Rundum erfreulich hingegen Buchstabe und Geist des Niederländers Frans Kellendonk (* 1951 Nijmegen), stilbewusst, witzig – aber nicht rein lustig -, mit Tiefe, die sich als Oberfläche tarnt, ohne dass hier eine Verwechslung vorläge, denn es kommt ja auch vor, dass das vermeintlich tiefgründige Oberflächliche in der Tat nur oberflächlich ist. Ich meine, dass Kellendonk Dinge berührt, die zum langweiligen Räsonieren einladen würden (zum Beispiel der pädophile Priester, der im Augenblick seiner Weihe den Glauben verliert – wie viele Gläubige mag es unter den Atheisten geben und wie viele Atheisten unter den Verkündern des Glaubens?), aber er lässt diese Gelegenheiten verstreichen und bleibt strikt beim Erzählen. Es steht ihm da ein ganzes Arsenal zur Verfügung, doch wenn es sich anbietet, bleibt er lakonisch. Die Schweigeminute für einen verstorbenen Kollegen beschreibt er: „Alle stehen da wie um ein leeres Schwimmbecken.” Ein Moment der Verlegenheit zeitigt den verblüffenden Wunsch: „Am liebsten wäre er jetzt ein Knäuel Socken.”
Der Roman Buchstabe und Geist – Untertitel: „Eine Spukgeschichte” – ist das erste und einzige Buch des Autors, das auf Deutsch (Ü: Rainer Kersten) erschienen ist. Vielleicht kommt ja noch mal was.

Wiederbelebung am toten Blog

Der brillante Dr. B, den ich einmal in der Woche sehe – und wenn nicht, mache ich mir Sorgen, denn er lebt nicht gesund und ist auch nun in einem Alter, in dem man sterben kann (gut, wer ist das nicht? Aber ich meine: sterben – und man würde sagen: zu früh, sicher, aber -), der zitierte neulich einen mir nicht bekannten großen Mann mit den Worten, hier nur sinngemäß: Es gibt Autoren, bei denen weiß man, man wird alles von ihnen lesen; und Autoren, und so weiter.
Er hätte das auch so sagen können, ohne Zitat, und ich hätte ihm Recht gegeben.
Obwohl – werde ich alles von Uwe Johnson lesen? Mal sehen. Jedenfalls kam vor einigen Tagen der zweite Band der Jahrestage zu mir zurück, den ich letztes Jahr dabei gehabt hatte, als ich einen Monat lang in einer schummerig kühlen Halbkellerwohnung vor der römischen Hitze floh; aber da hatte ich nur den ersten Band geschafft, und der zweite war liegengeblieben, das Gepäck war schwer genug. Jetzt ist er also wieder da, und wie das so ist, wenn was Johnsonsches auf dem Tisch liegt: man fängt an zu lesen, das ist unumgänglich.
Dass sich dieser Tage die erzählte New Yorker Zeit des Romans zum fünfzigsten Mal jährt – nach einem Prolog geht’s mit dem 21.8.1967 los – daran hatte ich gar nicht gedacht.

Die Jahrestage mit ihren ungefähr 1900 Seiten sind eine Zumutung auch in dem freundlichen Sinne, dass sie dem Leser Mut unterstellen, wo er vielleicht nur kalte Füße hat. Sie sind leserfreundlich eingerichtet, geradezu entgegenkommend. Man könnte das Buch über ein Jahr gestreckt hin lesen und käme mit fünf bis sechs Seiten am Tag aus. Oder man liest Romantag für Romantag. Da müsste man, legte man es auf Parallelität an, zu Anfang allerdings ein bisschen fudeln und die ersten sieben Jahrestage-Tage auf einen Lesetag zusammenlegen. Wenn man heute anfängt. Wer länger trödelt, muss nachsitzen.

Ich meine, der Verlag hätte dem Buch Gutes getan, wenn er sich zu einem großzügigeren Schriftbild durchgerungen hätte, so wie es sich Johnson, glaube ich mich zu erinnern, gewünscht hatte. Aber die Suhrkampschen haben gegeizt, und so gibt’s nun eben diese Bleiwüste, die gleich nach Arbeit aussieht. Man sollte sich davon nicht abschrecken lassen. Überhaupt denke ich: Johnson hat knapp zwanzig Jahre an dem Buch gearbeitet, da kann ich schön gemächlich vorgehen.

Blick auf Uwe Johnson

Am 9. Mai 1974 schrieb Uwe Johnson an Hannah Arendt: „[F]ast zwei Monate habe ich verbraucht für bloss hundert Seiten über Ingeborg Bachmann in Klagenfurt und über Ingeborg Bachmann in Rom; wie war mein Verleger sauer über diese Auskunft! Er brauche das Buch: sagte er kalt.“
(Hannah Arendt / Uwe Johnson, Der Briefwechsel 1967-1975. Herausgegeben von Eberhard Fahlke und Thomas Wild. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, 126. – Anmerkung, zwei Seiten weiter: „Das Wort ‚kalt’ fügte Johnson handschriftlich hinzu.“)

Mit dem „Buch“ war der Roman Jahrestage gemeint, dessen erster bis dritter Band in den Jahren 1970, 1971 und 1973 erschienen waren; der abschließende vierte Teil sollte nach einer zehnjährigen, lastenden Pause erst 1983 herauskommen.

Es ist nicht unwichtig, dass Johnson präzisiert: „Ingeborg Bachmann in Klagenfurt […] in Rom“. Tatsächlich erinnert sein Schreibansatz an etwas, das Antje Rávic Strubel, eine Johnson-Kennerin, in ihrem Roman Tupolew 134 beschreibt:

„Ein Ort bringt eine Person hervor, und sie wird ihm wieder genommen, und alles, was man am Ende noch sagen kann, sind Tatsachen über den Ort.“

Johnson liefert viele Tatsachen über die beiden Städte der Bachmann, über Klagenfurt, wo sie am
25. Juni 1926 geboren wurde und wo sie ihre Schulzeit verbrachte, und über Rom, ihrem Wohnsitz von 1954-1957 und von 1965 an bis zu ihrem Tod am 17. Oktober 1973. […]