Bücher organisieren

Letzte Tage kam mein Moabiter Regal. Die Menge von vier bis fünf Bananenkartons (in Büchern) passt da hinein. Ich habe aber drei Mal so viele hier. Da heißt es nun auswählen: Wer darf mitwohnen, wer bleibt im Karton? Die Würfel sind gefallen, und es sieht verträglich aus.
Allerdings: Ich werde früher oder später reduzieren müssen – spätestens dann, wenn von westwärts weitere zwanzig Kartons kommen (und hoffentlich der Teppich, die Sessel, die Bar, die Regale).
Ich glaube, ich kann mich ganz gut von Büchern trennen, bin nur einigermaßen dumm, wie das im einzelnen vonstatten gehen könnte. Wahrscheinlich wird’s eine Mischung aus Verschenken und Wegwerfen. Eine Alternative wäre: irgendwo verstauen, aber das kann’s ja auch nicht sein. Oder ich rufe einen Antiquar an, der alles mitnimmt, dann soll der sich damit herumschlagen. Geld wird keins dabei herausspringen, aber das macht nichts, der Anblick von Abgemessenheit und Ordnung wiegt es auf.

Heute las ich bei VOLLTEXT, dass Denis Scheck zu Mitte Juni beim Deutschlandfunk aufhört. Das kommt zackig und hat mich erschreckt. Aber dann dachte ich, und war auch sogleich wieder beruhigt, dass es nichts Schlechtes heißen muss, und dass es normal und verständlich ist, wenn jemand nach einer Weile (zwanzig Jahre) ein Arbeitsverhältnis auflöst. Der „Büchermarkt” – gab’s keinen schöneren Namen für die Sendung? – geht jetzt freilich des Witzes, der gutgelaunten Brillanz und Professionalität Denis Schecks verlustig. Mal sehen, an welcher Stelle sie wieder auftauchen.

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Blumenerde jemand?

Wo aufhören? Erst mal anfangen.

Neulich fuhr ich in Gedanken den Kleinen Tiergarten lang, Ernst Jandl im Kopf („wir sind die menschen auf den wiesen / bald sind wir menschen unter den wiesen / und werden wiesen und werden wald / das wird ein heiterer landaufenthalt”), da polterte jemand hinter mir: „Mach voran, Opa!” Es war ein Mann in meerrettichfarbender Rennfahrerkluft. Die Farbe seiner Kostümierung und seine Zipfelmütze erinnerten mich an Woody Allen in dem Film von ’72. Der Zuruf machte mich sprachlos. Wäre ich tatsächlich ein alter Mann gewesen – es hätte es nicht besser gemacht.
Meiner Ansicht nach sollte man Alten mit Respekt begegnen, weil sie das Leben so lange mitgemacht und ihm die Treue bewahrt haben. Gleich welchen Alters man ist, man ist immer Überlebender von Generationsgenossen, die nicht so lange gelebt haben wie man selbst. Eine andere als eine dankbare und demütige Haltung zum Leben (und Sterben) scheint mir daher deplaciert. (Neulich fragte mich jemand, wessen ich mich vielleicht schämte, ich glaube, es war eingegrenzt auf die Zeit der Kindheit. Ich sagte, dass ich als Kind Ameisen zertreten hätte.)

Neulich wurde meine Erdbeere ein Jahr alt, ich habe sie umgetopft und ein wenig Erde aus einem Siebeneinhalblitersack hinzugelöffelt, den ich bei Bio Company gekauft habe. (Blumenerde jemand?) Aber es geht ihr nicht ganz gut, einige Blättchen hatten sich rot verfärbt, andere waren braun gerändert, die habe ich entfernt. Gestern, als wir im Café Savo saßen, rieten mir die Grünen Daumen, sie an die Luft zu setzen, und da steht sie nun auf dem Fensterbrett und breitet ihre Blätter in die Sonne.

Ich habe mir noch einmal Ann Cottens Der schaudernde Fächer vorgenommen und mir auch das Interview angesehen, das Denis Scheck für „Druckfrisch” mit ihr geführt hat. Er ist unbedingt zu loben, dass er Ann Cottens sperriger Prosa ein Forum gibt, aber bei der Frage: „Gefallen Sie sich in Ihrer artistischen Radikalität?” bin ich wieder zusammengezuckt. Sie schlägt sich im übrigen wacker. Es ist reizvoll, die chemische Reaktion zwischen ihr und dem Medium zu beobachten. Das Fernsehen verlangt Niedlichkeit und Glattheit, aber sie hat (für das Fernsehen) nur Säure und Widerhaken, was sicher kein Kalkül ist, sondern daraus resultiert, dass sie eben eine Schriftstellerin ist und sie das Posieren und Kunststückchenmachen nicht zu ihren Aufgaben zählt. Sie ist kein Weibchen und kein Pfau. Immerhin, ihr Interviewpartner ist kein Dummkopf, aber hilft das? (Auch ein anderes Fernsehinterview, im Bayerischen Rundfunk, ist schwierig. Die Befragte antwortet überlegt und lässt sich durch die Interviewerin, die sie absurd übertrieben anlächelt und dabei mit der Mikrophonpistole in Schach hält, nicht merklich irritieren.)
Der Kritiker der FAZ umschrieb Der schaudernde Fächer – meines Erachtens zutreffend – als expressionistische Reflexionsprosa. Ich lese die Erzählungen (und eingestreuten Gedichte) als willentlich unfertig und nicht ausgereift. Es gibt großartige Formulierungen, aber manches ist unfassbarer Trash. Die Autorin weiß das natürlich, und es macht mich beinahe wütend, dass sie nicht meine Kunstauffassung teilt, wonach ein Werk bestmöglich ausgeführt und abgerundet sein soll. (Ich sage gar nicht, dass ich mit dieser Idee Recht habe.)
Übrigens hat Der schaudernde Fächer viel Kritikerlob erfahren. Ich müsste die Rezensionen noch einmal nachlesen, um nachzuprüfen, ob sie klarsichtig waren. Meiner Erinnerung nach fielen sie unkritisch aus, in dem Sinne, dass sie nur das Positive hervorgehoben und sich um die Herauspräparierung des Streitbaren gedrückt haben. Wenn Scheck Cottens Prosa als „von irrlichternder Schönheit” charakterisiert, ist dagegen im Prinzip nichts einzuwenden, wenngleich Schönheit nicht das ist, was mir als erstes in den Sinn gekommen wäre. Ich würde überhaupt vorsichtig sein mit Zu- und Festschreibungen bei einer Autorin, die, meiner Einschätzung nach, nicht nur unablässig damit beschäftigt ist, mit der Egge über die Sprache zu fahren, um sie locker und fruchtbar zu halten, sondern die auch mit jedem Gedicht, jedem Essay und jeder Erzählung Zäune und Scheuklappen niederreißt und einsammelt, um sie grimmig ein für allemal zu vernichten und unschädlich zu machen. (Indem ich dies schreibe, mache ich mich selber einer Zu- und Festschreibung schuldig, aber ich hoffe, sie ist derart, dass sie sich selber aushebelt.)

Harli, der auf meine ausgestreckten Beine sprang und sich, in Viertelkreisdrehungen, angelegentlich das Fell leckte, wobei er, um den Hals zu erreichen, seine Zunge mit ruckenden Kopfbewegungen auswarf, wie vielleicht ein Mensch eine Schlinge auswirft, um einen Gegenstand heranzuziehen, der dann aber nur umfällt und unerreichbar bleibt.

Freitag im Soundcheck von radioeins wurde unter anderem das Album Primrose Green von Ryley Walker besprochen. Die Wertung der vier versammelten Musikredakteure lautete einhellig Hit Hit Hit Hit. Daraus nun das Stück – bis es wieder gelöscht wird, denn das Video hat Deutschlands Vormund in musikalischen Dingen, die GEMA, verboten – „Sweet Satisfaction”. Wahrscheinlich keine Neuerfindung des Rads, aber eine sehr gute Nutzung desselben.