Baustelle

Meine Nachfolgerin war Caroline, die ihren englischen Namen ihrer englischen Großmutter verdankte, sie war aber italienischer Abkunft. „Baustelle” sagte sie, als sie vom dritten Stock hinunter auf die in Konstruktion befindliche Shopping Mall sah, von der noch nicht viel zu erkennen war, Gott sei Dank. Bagger hoben eine Tiefgarage aus, und da standen so fette Teile, in denen, glaube ich, Beton bevorratet wurde, sie sahen aus wie etwas zusammengedrückte stählerne Sanduhren. Sie erklärte uns, wie merkwürdig das Wort in ihren Ohren klang, denn „bau bau” sei der italienische Ausdruck für bellen, und „stelle” seien Sterne. So verband sie mit „Baustelle” die Idee eines Hundes, der die Sterne anbellt. Aber habe ich das nicht schon erzählt? Na, was soll’s. Jetzt bin ich so alt, jetzt darf ich mich auch wiederholen. Sie rauchte selbstgedrehte Zigaretten und sah immer käsebleich aus, die Haut auch nicht so richtig glücklich. Sie war hundeverrückt und liebte das Chaos, oder sie hielt es aus. Ein Hund lief da auch immer rum, wenn ich vorbeikam, aber der war geheim. Sie verschlief die Tage (hat mir Paul erzählt) und wurde erst abends munter, dann ging sie auf Parties, und zwar, wenn ich richtig verstanden habe, ausnahmslos jeden Abend, vielleicht auch normal mit dreiundzwanzig. Mitten in der Nacht kam sie dann zurück, putzmunter, aufgekratzt, angeschickert, und machte Krach, die Nachbarn beschwerten sich. Es war sicher kein bösartiger Krach, vielleicht tanzte sie nur eine Runde oder sang mit Leidenschaft ein Lied. Sie machte die Nacht zum Tag und verhielt sich so, das ging gar nicht gegen irgendwen. Weiß nicht, ob Paul was davon mitkriegte. Der ging zwar auch nicht mit den Hühnern ins Bett, aber irgendwann brauchte er doch seinen Schlaf und stopfte sich dann die Ohren mit Ohropax zu. Sein Zimmer ging zur Straße, und gleich dahinter die Baustelle, um sieben Uhr fingen die an, wuff wuff, der Bagger renkte seine steifen Kiefer ein und dann Abriss. Nix Sterne, Caroline. Aber wie komme ich jetzt darauf.

Fütterung

Im Aufsehen bemerkte ich eine schwarze Katze im rechten Ausschnitt der Gartentür, ein Kätzchen. Ich rief die Hausherrin, die sich gleich nach Futter umsah, aber es gab nichts. Da saß die Katze, wartend. Sie federte hoch, sprang auf ein marmornes Sims, streckte sich da aus. Der Hausherr wurde um Rat gefragt, der blieb in seinem Zimmer, brummte, ich verstand es nicht aber sah ein antwortendes Nicken und Treppenhochsteigen und Zurückkommen mit einem handtellergroßen Behältnis (ungefähr).
„Thunfisch mit Öl?” Das war die Frage – doch da wurde schon der Aludeckel aufgekrempelt, Zeit haben, Geduld haben, das ist ja nicht dasselbe, für eine Katze. Und da, kaum dass die Tür aufging, sprang sie herbei, lässig. Sie hockte sich ins Profil, blickte kurz auf und fing an zu fressen. Ein wie gähnendes Lecken der Lippen war alles, was vom Futter übrigblieb, und dann, die Katze: futschikato, in Luft aufgelöst. Es war wirklich sehr heiß, sie wird sich gedacht haben: verdünnisier ich mich eben, wenn der Tag die Wärme so dick ausrollt. Ich kann’s nur vermuten.

Tiere bewegen sich fort

Igel schnurren, Hummeln tumbeln, Eichhörnchen klettern kopfüber vom Baum (schon länger keins gesehen), erstarren für den Bruchteil eines Bruchteils: sieht man gut ihre Knopfaugen. Dann weiter, hurtig übers Geländer. Meisen uen und ween durch die Luft oder tropfen akrobatisch durchs biegsame Gezweig und bepicken die jungen Triebe. Was man für Kohlmeisen hält, sind vielleicht Tannenmeisen, könnte sein. Als ich die Neuruppiner Straße entlanglief – das war nicht der Plan – ließ mich der (wahrscheinlich) Revierruf eines Vogels aufmerken, und ich, der ich ihm sein Revier gar nicht streitig machen wollte, sah mich beschwichtigend um und sah keinen Vogel, aber dann doch streckte einer seinen Kopf aus einem Baumloch, mit roten Federn oben: ein Grünspecht, las ich nach. Hunde traben oder trippeln, die mobile Nase immer auf Empfang, sehr bauminteressiert, freudig oder mackermäßig dominant bei Treffen mit Artgenossen. Schludern achtlos hinterher und ckecken mit eingenicktem Kopf ihr Smartphone die notorisch Abwesenden, Herrchen oder Frauchen. Ameisen kreiseln wirrwarrig, das hatten wir schon. Aber mit Australien haben sie nichts am Hut – bloß dichterische Freiheit im säuseligen Poetenkopf von Joachim Ringelnatz aus Wurzen.

Neulich habe ich mir einen Wein gekauft, um die Goldene Palme für Maren Ade zu feiern, aber dann hat sie sie gar nicht gewonnen, ich war ernüchtert. Die Jury hatte entschieden: „Kinder, lasst uns die Welt langweilen!” Den Wein hab ich noch, jetzt trinke ich ihn so. Für 75 cl brauche ich vier Tage. Heute noch und morgen.

Neuigkeiten fürs Kränzchen

Aber es gibt auch Begegnungen mit kleineren Organismen. Auf meiner Arbeitsstelle – ich schickte mich gerade an zu gehen – sah ich wenige Millimeter vor meinen Haferlschuhen zwei Ameisen hin- und herlaufen. Wo kommt ihr jetzt her? fragte ich mich und überließ ihnen das Feld, denunzierte sie aber am nächsten Tag. Unmerkliches Zögern, dann, überzeugt: „Die sind zu Besuch!”

In derselben Woche verflog sich eine Hummel in die Buchhandlung und dröhnselte gegen die Scheibe.
Es war ein prächtiges und possierliches Exemplar, die Vorstellung, es könnte in der Auslage enden, schien mir zu traurig. Ich lockte sie mit einem goldgelben Blatt, vergebens. Dann klammerte sie sich an einen dicken Roman, so trug ich sie vor die Ladentür, von wo sie in einem Hui in die Stratosphäre entschwand.

Die Bücher, nach denen der ehemalige Minister fragte, befanden sich auf den oberen Regalbrettern. Ich holte die Leiter und trug einige Stapel ab, um daranzukommen (er nahm sie mir ab und packte sie auf den Tisch). Die, die ihn interessierten, sah er durch, er traf seine Wahl, zahlte mit Plastikgeld. Bevor er seiner Wege ging, erbot er sich, mir die übrigen Bücher wieder anzureichen, und das fand ich dann doch, bei seiner sonst mürrischen bleigrauen Art, ganz freundlich.

Auf Twitter folge ich nun u. a. Margarete Stokowski, Ronja von Rönne und einem Ahornbaum aus Gent (mit täglichen Daten zu Wachstum, Wasseraufnahme und Fließgeschwindigkeit).

Zwitscherrede

Es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass ich viel Rad fahre, jedenfalls habe ich zum Geburtstag viele Brennwerte geschenkt bekommen: Schokoladen, Konfitüren, Honige, Kekse, mit Nonpareilles bepfefferten Kuchen, daneben Kaffee und Zigarillos, die ich jetzt, jeden Tag einen, auf der Terrasse rauche, dabei auf das polyrhythmische Singen und Zwitschern der Vögel lauschend, die Schichtung und Staffelung des Vogelgesangs, auch auf ihre vielfältigen Flugbewegungen achtend, das Schwirren, Flattern, Sausen, das Landen und Auffliegen, die Luftwirbelsekunden, ihr „phüh”. Es ist auch witzig, was die Vögel veranstalten (von den turnerischen Eichhörnchen ganz zu schweigen), sie bringen mich zum Lachen.
Ich glaube, auch bei den Vögeln gibt’s die, die wenig sagen, und die Redelustigen, und die, die was erlebt haben, das sie unbedingt weitererzählen müssen, die Ermahnenden und die Nichternstnehmenden, die Weisen und die Grünschnäbel. Wahrscheinlich wird auch viel getratscht, hinter vorgehaltenem Flügel oder frei heraus.
Wenn ich in die Stadt fahre oder durch den Bannwald spaziere (was ich hin und wieder tu), rollt sich das Gezwitscher und Singen wie eine langsam-stetig abgekurbelte Tonspur links und rechts von mir ab. – Es gibt natürlich daneben auch städtische Geräusche, Surren, Brummen, Klappen, Schellen, die aber überhaupt nicht stören. Sie sind das Zitronat im Berliner Kuchen.

Gestern ging auf der Bundesallee die Kette ab, sie sitzt gerade ein bisschen locker. Ein bärtiger junger Mensch mit Kopftuch kam herbeigeradelt und fragte sorglich, dabei eine höfliche Distanz einhaltend, ob er mir helfen könne. Ich verneinte dankend und lupfte die Kette auf das kleine Zahnrad, kam aber dann bei dem großen nicht weiter und hob meinen Kopf in die Richtung, aus der er wartete. Er ruckelte an der Kette, bewegte das Pedal und – er war für alle Malheurs gerüstet – reichte mir zuletzt einen cremeweißen Lappen, an dem ich mir meine fettverschmierten Finger abwischte. Nachdem er mir noch einen Schleichweg zum Teltowkanal verraten hatte (irgendwas mit Moskau oder Moskauer) und mir anriet, vorsichtig zu treten, setzte er sich wieder auf sein Fahrrad und strebte davon. Er war grün gekleidet, irgendwie försterlich, und strahlte eine absolute Friedfertigkeit aus.
Nach diesem Abenteuer kam ich etwas matt zu Hause an. Ich legte mich aufs Bett. Es krachte zusammen (so als müsse es zusammenkrachen, wenn schon die Kette abgegangen war), aber nur links. Ich war zu müde für Reparaturen. Auf der Wandseite lag ich wie in einer Hängematte. Heute klopfte ich es wieder zusammen.

Gewöhnliche Baustellenkaputtheit

Der Bagger hackt in den Boden, kippt, kippelt die Schaufel, rüttelt den Sand durch den Rost, dreht steif seitwärts, wirft Steinbrocken ab. Der Motor malocht, aber die Ketten stehen.
Hinter dem Schuttberg die angenagten Mauern, abgeplatzter Putz, weiß, ocker, lindgrün, blassgelb, die Farben in einem fort angeraunzt von Kälte und Nässe, so sehen sie aus. Eine 12 ist deutlich zu lesen und ein paarmal, neonfarben: STOP. Wandlöcher, Fensterlöcher, Türlöcher unter dichtem Himmel. Das karge Kra-kra der Nebelkrähen und der schmutzige Rauch, der da hinten schon aufsteigt, ergeben ein schlüssiges Bild und ein einsilbiges Wort. Manchmal landet eine Krähe auf der rauhgrünen Zunge der Straßenlaterne dort unterm Fenster und lässt sie stärker erzittern. Unbehaglich sieht das aus, kalt, doch gerade richtig für diese ernsten, befrackten Vögel, nach denen ich mich immer umdrehe, als gäb’s da was zu lernen, als wäre es wirklich möglich: sich etwas abgucken, Krähenkonzentration, Krähenfokussierung. Kommt kein Sterbenswort von dieser Zunge, nur abends, nachts, schweigt sie ihr Licht, da sitzen die Arbeiter längst in ihren Containern und essen Fritten und zischen ein Bier und suchen mit dem nackten Fuß nach dem verlorenen Pantoffel.

Besuch beim Bildungsbürgertum

Die beiden Schwestern pflügen durch die Neuheiten, nichts will ihnen zusagen, die Bücher – überflogen, abgelehnt – fallen flappend zurück. Ein ums andere Mal sticht mich die Frage:
„Haben Sie’s gelesen?” Es hat etwas Garstiges.
Am nächsten Tag kommt die ältere der beiden, sanft: „Habe ich Sie verletzt?”
Der Spielplatz wirbelt manchmal Kinder herbei, sie kommen auf Inlinern herangeschossen, spielen mit dem Kartenständer Karussell, stoppen ihn jäh, picken konzentriert eine Postkarte heraus, kommen damit hereingestakst, artig. Das Geld krümeln sie in kleiner Münze hin, dann schnappen sie sich ihre Beute und fliegen davon.
Ein alter Herr, der gar nicht alt wirkt, blättert in einem vergriffenen Buch über Rabbiner in Berlin und hält auf einer Seite inne, auf der die Synagogen und Gemeindehäuser der Stadt verzeichnet sind.
Er fährt sie mit dem Finger ab:
„Gibt es nicht mehr. – Gibt es nicht mehr. – Gibt es noch. – Gibt es nicht mehr.”
Ich spreche ihn auf die Synagoge in der Joachimsthaler Straße an. – „Die ist ja orthodox!”, sagt er.

Die Energie gehört der Arbeit. Abends mache ich nichts. Ich trinke Tee, Kaffee, klicke mich durch Twitter.
P. hat mir eine DVD mit Lubitsch-Stummfilmen gegeben.
Ossi Oswalda, auch so ein Name.
Ich gehe um zwei Uhr schlafen.
Ich stehe um acht Uhr auf.