Et sall säch well wiese

Der Zusammenbau der Stereoanlage im letzten Jahr war eine gute Sache! Ich danke meinen Brüdern, die daran beteiligt waren. Wieder Schallplatten auflegen und CDs über Raumlautsprecher hören zu können, darauf hatte ich lange gewartet; meine neue Aufgabe als Garments Database Specialist hat’s ermöglicht. Obwohl, eigentlich war alles da, außer die Boxen: Canton Gle 420 Kompaktlautsprecher, wenn jemand ein technisches Interesse hat.
Nun kaufe ich Schallplatten, nicht mehr als eine pro Monat (oder keine), die ich, meist abends (aber nicht jeden Abend), anhöre.
Manchmal fehlt mir das Händchen. Superorganism war ein Reinfall – nicht, weil die Musik schlecht wäre: sie ist einfach nicht meine Sache. So eine Platte hört man nicht von Anfang bis Ende, und mich interessiert Musik, die ich durchhören kann. (Ich rede von Pop.)
In der „Platten vor Gericht”-Rubrik der Intro gingen die Ansichten denn auch auseinander, Punktevergabe zwischen 4 und 10.

Das könnte mir auch mal wer erklären, was da jetzt so fresh sein soll an überdrehten Samples und Slackerbeats auf brav gegossenem Indiepop-Estrich. (Eine enttäuschte Stimme)

Fehlgriffe sind unvermeidlich. Mein letzter und vorvorletzter Kauf stellen mich aber vollkommen zufrieden: Angel Olsen mit Phases, und Fever Ray mit ihrem selbstbetitelten Debüt. Dies war zwar schon 2009 herausgekommen, wurde jetzt aber neu veröffentlicht, zur Feier des Erscheinens ihres zweiten Albums wahrscheinlich. Es ist nächtliche Musik, bisschen gruftig. Ich möchte gar nicht viel dazu sagen, wer will, kann ein paar Kritiken lesen oder sich ein Stück auf YouTube angucken. „If I Had A Heart”, „When I Grow Up”, „Dry And Dusty”, „Triangle Walks” und „Keep The Streets Empty For Me” sind meine Favoriten. Hatte mal eine Datei von Fever Ray, die aber verloren ging; wollte ich doch mal wieder hören jetzt.
Fever Ray macht elektronische Musik, die von Angel Olsen ist maßvoll elektrisch, solo oder in kleiner Besetzung aufgenommen. „A Collection Of Rare Demos, B-Sides & Covers Recorded 2012-2017”, vermeldet die Plattenhülle. Ein Drittel der Stücke wurde zu Hause aufgenommen.

Angel Olsen ist nicht unbedingt originell, „Sweet Dreams” erinnert an PJ Harvey, „How Many Disasters” an The Moldy Peaches. Ich schätze aber die Innigkeit und Inständigkeit ihres Musikmachens; Olsen ist in jedem Moment als Persönlichkeit präsent.
In „California” ist ihre Stimmführung kühn, stellenweise wie meckernd oder schluchzend, und könnte als gewollt kritisiert werden, aber ich finde gut, wenn jemand künstlerisch was wagt, auch um den Preis des Scheiterns – wobei „California” mit seiner leicht bluesigen Dellung eines der besten Stücke des Albums und mitnichten ‚gescheitert‘ ist.
Wer noch nie was von Angel Olsen gehört hat – Phases bietet sich als Einstieg an.

Hier Titel eingeben

Die durchschnittliche Dauer, die jemand bei einem Start Up-Unternehmen verbringe, betrage ja eher ein halbes Jahr, meinte mein Arbeitskollege neulich zu mir, als wir in der Küche standen, er für seinen Tee, ich für meinen Kaffee – aber wir, old school … Und wirklich ist er demnächst zwei Jahre in der Firma; bei mir ist es jetzt ein Jahr. Ich habe den Jahrestag zum Anlass genommen, wieder einmal zu Kaffee (Tee) und Kuchen (Brötchen, Obstsalat) einzuladen. Dies Mal war es eine Siebenerrunde, sehr gemütlich, für mich zudem mit dem Vorteil verbunden, nicht nachher noch durch die Kälte zu müssen. Den veganen Apfelkuchen mit Zimtstreuseln hatte ich vor einiger Zeit zum ersten Mal gebacken, anlässlich eines Backwettbewerbs in unserer Firma, bei dem ein Kürbiskuchen mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde. Ich finde ihn ganz gut, doch habe ich das Rezept jetzt nur für eine Kollegin wieder herausgekramt, die vielleicht kommen wollte. Mit der Adventsbäckerei habe ich im übrigen immer noch nicht angefangen, aber das eine oder andere Rezept der Rubrik „Weite Welt im bunten Teller” werde ich sicherlich ausprobieren, da warte ich jetzt aber noch auf die Mandelmühle, die ich, als ich in meiner Heimatstadt Kevelaer war, im dortigen Haushaltswarengeschäft bestellt hatte, und die mir ein Freund mitbringen wird, der jetzt gerade da ist. Die niederrheinischen Ferien haben mir gut getan, und ich werde von nun an alle halbe Jahre hinfahren, um Familie und Freunde wiederzusehen – und die fabelhaft melancholische Landschaft mit ihrem hohen wolkenzergrübelten Himmel. Auf dem Kapellenplatz in den kahlen Linden lachten die Dohlen und Edmund kam vorbei und begrüßte mich ohne stehenzubleiben mit „Meister Reul”, so im fragenden Ton. Außerdem kann ich den Besuch jeweils mit den zahnärztlichen Vorsorgeterminen bei meinem Schwippschwager in Winnekendonk verbinden, die ich auf meine alten Tage regelmäßiger wahrnehmen möchte. In Kleinmachnow ist alles beim alten, wie immer erfreue ich mich an den Vögeln, die die Futterstellen auf der Gartenmauer und auf meinem Fensterbrett anfliegen oder sich an den Meisenknödel im Vorgarten hängen. Ich lese weiter die Jahrestage (hinke allerdings ein bisschen hinterher, denn ich bin auf Seite 392 beim 1. Dezember 1967) und gucke mir in der Arte Mediathek eine Serie an, „Im fremden Körper”, von der mehr als eine Folge je Abend zu sehen ich nicht ertragen könnte, glaube ich.

Die Entscheidung von Landwirtschaftsminister Christian Schmidt, den Weg für die weitere Zulassung des Umweltgifts Glyphosat freizumachen (die Bezeichnung „Unkrautvernichtungsmittel” betont seinen angeblichen Nutzen und ist daher irreführend) hat mich traurig gemacht. Ich bilde mir ein, dass der größere Teil der Bevölkerung der Europäischen Union gegen eine solche Verlängerung war. Was sagt es über die Verfassung der Europäischen Union aus, dass ein Dämelack wie Schmidt solche Macht hat?
Ferner: Ein Teil der Arktis ist als Öl- und Gasausbeutungsgebiet deklariert worden, RWE holzt den Hambacher Forst ab, um Kohle zu scheffeln … laufend gibt es solche Schreckensmeldungen, der Weltlauf wird von Männern bestimmt, die eigentlich schon tot und verrottet sind und nur als Zombies noch ihr Unwesen treiben (so kommt es mir vor). „Women of the world take over”, möchte man da mit Jim O’Rourke ausrufen.

Hier noch ein rotnasiges Musikvideo von Angel Olsen. Ihre neue Platte Phases hat der Soultrade-Mann in der Sanderstraße noch nicht beschaffen können, offenbar war die Auflage zu klein. Bedauerlich! – Ich bewundere A.O.s Fähigkeit, lange Musikstücke zu gestalten; das hat sie mit Joanna Newsom gemein (und sonst nichts).

eden ahbez, The Wanderer / Nature Boy

Meine Freundin, die Töpferin, konnte mit der Musik, die ich zuletzt hier präsentiert habe (aber was war es noch?), nichts anfangen, deswegen kommt jetzt eden ahbez, der seinen Namen kleingeschrieben wünschte, weil er meinte, die Großbuchstaben sollten dem Göttlichen vorbehalten bleiben, sagt Wiki. Dafür sind Mix-CDs gut, wie früher Mixtapes: man kann Entdeckungen machen.
„Wishing Well” ist die Zusammenstellung betitelt, der ich „The Wanderer” entnehme, ein Lied, das vom Menschen erzählt, der ein Pilger auf Erden ist – eine geeignete Nummer für den heutigen Totensonntag. – Das nachfolgende „Nature Boy” hat eden ahbez ebenfalls geschrieben. Miles Davis hat den Song 1955 für sein Album blue moods eingespielt, mit Charles Mingus, Bass, und Teddy Charles, Vibraphon. Den Drummer, der so schön den Besen rührt, habe ich vergessen, es wird ja wohl nicht Dannie Richmond sein.

 

Thomas von Steinaecker, Klang. Welt.

Steinaecker, Klang. Welt.2006 besuchte der junge Autor und Journalist Thomas von Steinaecker (geb. 1977) die Stockhausen-Kurse in Kürten bei Köln und schrieb darüber eine kurze Reportage, die der Berliner SuKuLTuR Verlag 2008 als Nummer 77 seiner entdeckerfreudigen Schöner Lesen-Reihe veröffentlichte.

Zehn Abschnitte, zwei Fotos, von denen das erste das Aushängeschild eines Sonnenstudios, das zweite die Flötistin Kathinka Pasveer als „schwarze Katze Kathinka” hinter einem „mit Zahlen und Noten beklebten” Mandala zeigt – „Parallelwelten” in der Tat, wie der Untertitel des Heftchens besagt.
Eine weitere Abbildung ist auf dem Umschlag zu sehen, eine siebentaktige Notenskizze, die Stockhausen 1977 in Kyoto notiert hat, Keimzelle seines Opernzyklus‘ LICHT, der der Phase der Stockhausenschen Formelkomposition zuzuordnen ist, die 1970 mit der Komposition Mantra für zwei Klaviere und Live-Elektronik ihren Anfang genommen hatte (auch dieses Stück verdankt sich einem Japan-Aufenthalt).

„Es ist Punkt Zehn. Zwei weiß gekleidete junge Frauen kommen auf die Bühne. Die Assoziation Engel liegt nahe. Sie beginnen zu zupfen und zu singen, den traditionellen Pfingst-Hymnus ‚Veni creator spiritus’; später flüstern, kichern und fauchen sie, schlagen auf ihre Harfen ein, ganz unengelhaft.”

Bei aller Kürze ist doch einiges über Stockhausens Kosmos zu erfahren, davon zum Beispiel, dass ihm die Ideen zu einigen seiner Werke im Traum kamen (das Helikopter-Streichquartett, das Schlagzeugstück Himmels-Tür); oder: Ein junger französischer Komponist nörgelt einerseits über Stockhausens Musik, erzählt andererseits, er habe ihm ein 70-Minuten-Tonband einer eigenen Improvisation geschickt, woraufhin Stockhausen in einem Brief detailliert geantwortet habe – was die oft gescholtene Egozentrik des Komponisten Lügen straft, der zwar vielleicht nicht die weitherzige Neugierde eines Pierre Boulez hat, aber dennoch ein offenes Ohr für die Arbeit Jüngerer; Interpreten erzählen von ihren Erfahrungen mit Stockhausen-Partituren, „man sei da in seiner Freiheit schon recht eingeschränkt”. – Thomas von Steinaecker lässt offen, was er selbst von Stockhausen hält, seine Reportage wirkt unparteiisch, doch die Tatsache, dass er sich auch filmisch mit dem Komponisten beschäftigt hat (für ARTE), lässt auf kritische Sympathie schließen.

  • Thomas von Steinaecker, Klang. Welt. Über Parallelwelten, drei Formeln, aus denen sieben Opern entstehen, und eine Fliege, die im Scheinwerferlicht tanzt: Die Stockhausen-Kurse in Kürten 2006. 20 Seiten, geheftet. SuKuLTuR Verlag, Berlin 2008. 1,00 Euro (= Schöner Lesen, Nr. 77) – Das E-Book kostet einen Cent weniger.

[Wiederveröffentlichung vom 9.5.2011]

For further information
Vortrag des Komponisten am Imperial College London (19.7.1973) über Mantra: hier.