Adrian Kasnitz, Glückliche Niederlagen

kasnitzHeute erschien bei Signaturen – Forum für autonome Poesie meine Kritik zum schönen Gedichtbuch Glückliche Niederlagen von Adrian Kasnitz, dem Kölner Schriftsteller und Verleger der parasitenpresse. Diese Kritik ist nachzulesen

hier

Das Buch ist im Sprungturm Verlag erschienen (s. hier) und über jede Buchhandlung zu bekommen.

 

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Thomas von Steinaecker, Klang. Welt.

Steinaecker, Klang. Welt.2006 besuchte der junge Autor und Journalist Thomas von Steinaecker (geb. 1977) die Stockhausen-Kurse in Kürten bei Köln und schrieb darüber eine kurze Reportage, die der Berliner SuKuLTuR Verlag 2008 als Nummer 77 seiner entdeckerfreudigen Schöner Lesen-Reihe veröffentlichte.

Zehn Abschnitte, zwei Fotos, von denen das erste das Aushängeschild eines Sonnenstudios, das zweite die Flötistin Kathinka Pasveer als „schwarze Katze Kathinka” hinter einem „mit Zahlen und Noten beklebten” Mandala zeigt – „Parallelwelten” in der Tat, wie der Untertitel des Heftchens besagt.
Eine weitere Abbildung ist auf dem Umschlag zu sehen, eine siebentaktige Notenskizze, die Stockhausen 1977 in Kyoto notiert hat, Keimzelle seines Opernzyklus‘ LICHT, der der Phase der Stockhausenschen Formelkomposition zuzuordnen ist, die 1970 mit der Komposition Mantra für zwei Klaviere und Live-Elektronik ihren Anfang genommen hatte (auch dieses Stück verdankt sich einem Japan-Aufenthalt).

„Es ist Punkt Zehn. Zwei weiß gekleidete junge Frauen kommen auf die Bühne. Die Assoziation Engel liegt nahe. Sie beginnen zu zupfen und zu singen, den traditionellen Pfingst-Hymnus ‚Veni creator spiritus’; später flüstern, kichern und fauchen sie, schlagen auf ihre Harfen ein, ganz unengelhaft.”

Bei aller Kürze ist doch einiges über Stockhausens Kosmos zu erfahren, davon zum Beispiel, dass ihm die Ideen zu einigen seiner Werke im Traum kamen (das Helikopter-Streichquartett, das Schlagzeugstück Himmels-Tür); oder: Ein junger französischer Komponist nörgelt einerseits über Stockhausens Musik, erzählt andererseits, er habe ihm ein 70-Minuten-Tonband einer eigenen Improvisation geschickt, woraufhin Stockhausen in einem Brief detailliert geantwortet habe – was die oft gescholtene Egozentrik des Komponisten Lügen straft, der zwar vielleicht nicht die weitherzige Neugierde eines Pierre Boulez hat, aber dennoch ein offenes Ohr für die Arbeit Jüngerer; Interpreten erzählen von ihren Erfahrungen mit Stockhausen-Partituren, „man sei da in seiner Freiheit schon recht eingeschränkt”. – Thomas von Steinaecker lässt offen, was er selbst von Stockhausen hält, seine Reportage wirkt unparteiisch, doch die Tatsache, dass er sich auch filmisch mit dem Komponisten beschäftigt hat (für ARTE), lässt auf kritische Sympathie schließen.

  • Thomas von Steinaecker, Klang. Welt. Über Parallelwelten, drei Formeln, aus denen sieben Opern entstehen, und eine Fliege, die im Scheinwerferlicht tanzt: Die Stockhausen-Kurse in Kürten 2006. 20 Seiten, geheftet. SuKuLTuR Verlag, Berlin 2008. 1,00 Euro (= Schöner Lesen, Nr. 77) – Das E-Book kostet einen Cent weniger.

[Wiederveröffentlichung vom 9.5.2011]

For further information
Vortrag des Komponisten am Imperial College London (19.7.1973) über Mantra: hier.

Marc Degens, Das kaputte Knie Gottes

Das kaputte Knie Gottes von Marc DegensMarc Degens, 1971 in Essen geboren, ist ein Mann vieler Talente. Freier Schriftsteller seit Beginn der 90er Jahre, ist er auch als Herausgeber des Online-Feuilletons satt.org [von 2000 bis 2012, Anm. M.R.] und der SuKuLTuR-Heftreihe „Schöner Lesen” aktiv [für die inzwischen, aber noch nicht lange, Sofie Lichtenstein und Moritz Müller-Schwefe verantwortlich zeichnen, Anm. M.R.], die seit 2004 vor allem über Süßwarenautomaten vertrieben wird. Ein Wikipedia-Artikel erwähnt zudem (mir obskur erscheinende) Popformationen, Superschiff und Stendal Blast, in denen er Mitglied gewesen sein soll – möglicherweise eine Legende, vielleicht auch nicht.

Das kaputte Knie Gottes – der Titel von Degens‘ gerade [d. i. 2011, s.u.] erschienenem neuen Roman (nach Hier keine Kunst von 2008) leitet sich von einer Skulptur ab, die Dennis Kirchner geschaffen hat, eine der Hauptfiguren in dieser von den 80er Jahren bis zum Beginn des neuen Jahrhunderts reichenden Geschichte dreier ungleicher Freunde und ihres Aufwachsens im Ruhrgebiet zwischen Bochum und Gelsenkirchen.
Neben Dennis, dem Bildhauer, sind dies Mark, Lehramtsanwärter (zugleich Ich-Erzähler), und Lily, Lenin-Verehrerin, Zigarillo-Raucherin und Studentin mit wechselndem Studieninteresse. Mark vermittelt typmäßig zwischen dieser Extravaganten und dem asketisch-sturen, stolzen Dennis. Eskapaden nicht abgeneigt, bleibt er doch im Grunde „daheim bei Tante Polly”, wie er in Anspielung auf Mark Twain feststellt – Huck Finn, das sind andere. Indes, ob der ‚Normalo‘, verglichen mit den Lebensbewegungen seiner Freunde, die auf je eigene Weise in die Angepasstheit münden, sich letzten Endes nicht doch am ehesten Verrücktheit und Abenteuersinn bewahrt hat – diese Deutung lässt Degens immerhin zu.

Der Bochumer oder Bochum-Kenner wird vieles in diesem Roman wiedererkennen – das Fiege Pils, das hier getrunken wird, die Diskothek „Zwischenfall”, das Café Oblomow, das Stadtmagazin Coolibri -, doch ist es nicht nötig, dass dem Leser diese lokalen Anspielungen etwas sagen, die er ohnehin mit eigenen Erinnerungen vergleichen wird.
Die Geschichte einer Inszenierung von Brechts Stück Die Mutter, die Begegnung mit einem kunstbeflissenen Handwerker („Kunst verstehn heißt sie kaufen”), den man sich so ähnlich vorstellt wie die proletarische, von Armin Rohde verkörperte Figur Bierchen in Kleine Haie, die Episode eines tonnenschweren Hauptgewinns (eine sperrige Ladung Hunde-Dosenfutter) oder die einer bizarren Ausstellungseröffnung – dies zu lesen bereitet Vergnügen, ebenso wie die mit satirischer Schärfe gezeichneten Kunstmarkt-Szenen oder die grelle Schilderung Berliner Party-Lebens mit seinem je vollkommen irrsinnigen Personal.

Das kaputte Knie Gottes: Im Scheitern großer Pläne, im Auseinanderklaffen zwischen Größtem und Kleinem, Irdischem, liegt Komik, springt Komik hervor (sie ist nicht anders vorstellbar als beweglich). Andererseits ist Komik auch sublimierter Schmerz, und so ist Degens‘ Roman, so kurzweilig und lustig er zu lesen ist, auch ein Denkmal für die Durststrecken und Niederlagen, für die enttäuschten Hoffnungen und den Katzenjammer seiner Helden.

Leseprobe: hier (pdf).

[Wiederveröffentlichung vom 4.9.2011 (vor meiner Zeit bei satt.org)]

Außerdem:

  • Marc Degens, Fuckin Sushi. Roman. 320 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. DuMont Buchverlag, Köln 2015. 19,99 Euro

Bücher organisieren

Letzte Tage kam mein Moabiter Regal. Die Menge von vier bis fünf Bananenkartons (in Büchern) passt da hinein. Ich habe aber drei Mal so viele hier. Da heißt es nun auswählen: Wer darf mitwohnen, wer bleibt im Karton? Die Würfel sind gefallen, und es sieht verträglich aus.
Allerdings: Ich werde früher oder später reduzieren müssen – spätestens dann, wenn von westwärts weitere zwanzig Kartons kommen (und hoffentlich der Teppich, die Sessel, die Bar, die Regale).
Ich glaube, ich kann mich ganz gut von Büchern trennen, bin nur einigermaßen dumm, wie das im einzelnen vonstatten gehen könnte. Wahrscheinlich wird’s eine Mischung aus Verschenken und Wegwerfen. Eine Alternative wäre: irgendwo verstauen, aber das kann’s ja auch nicht sein. Oder ich rufe einen Antiquar an, der alles mitnimmt, dann soll der sich damit herumschlagen. Geld wird keins dabei herausspringen, aber das macht nichts, der Anblick von Abgemessenheit und Ordnung wiegt es auf.

Heute las ich bei VOLLTEXT, dass Denis Scheck zu Mitte Juni beim Deutschlandfunk aufhört. Das kommt zackig und hat mich erschreckt. Aber dann dachte ich, und war auch sogleich wieder beruhigt, dass es nichts Schlechtes heißen muss, und dass es normal und verständlich ist, wenn jemand nach einer Weile (zwanzig Jahre) ein Arbeitsverhältnis auflöst. Der „Büchermarkt” – gab’s keinen schöneren Namen für die Sendung? – geht jetzt freilich des Witzes, der gutgelaunten Brillanz und Professionalität Denis Schecks verlustig. Mal sehen, an welcher Stelle sie wieder auftauchen.

Helmut Salzinger, Moor

Ich treffe zufällig frühere Freundinnen meines Bruders, erst Isabella, im Literarischen Colloquium, jetzt, gestern, auf dem Teltower Damm, Lioba. Sie winkte mir aus dem Auto zu, fuhr an den Straßenrand, fragte im Aussteigen: „Bist du nicht Meinolf?” Als wir uns kannten, mag sie 19 oder 20 gewesen sein, und ich vielleicht elf oder zwölf. So war ich überrascht, von ihr aus einem fahrenden Auto heraus identifiziert worden zu sein, und meinen Namen wusste sie also auch noch – wie ich allerdings auch den ihren, auch ihren Nachnamen hatte ich gleich parat und (warum auch immer) ihren damaligen Wohnort: Baal.
Ob ich damals schon von Brecht gehört hatte? War ich vielleicht doch älter? Später fiel mir ein, dass wir uns einmal noch gesehen hatten, in unserer alten Schule, aber das wird auch schon 25 Jahre her sein.
Die Begegnung hat mich gefreut, aber die Freude vermischt mit Traurigkeit (allerdings bin ich ohnehin eher ein trauriger Mensch). Wir verabschiedeten uns mit der losen Verabredung, uns auf einen Kaffee zu treffen. Ich werde sie anrufen.

Jetzt wieder ein Schnipsel von meiner alten Buchhandlungsseite (von 2010).
Es war als Buchhändler (und es ist immer noch so) nicht unbedingt mein Interesse, etwas Eigenes über ein Buch zu schreiben. Ich fand eher wichtig, einzelne Bücher, die mir lohnenswert erschienen, zu isolieren, auf ihre Existenz und Erwerbbarkeit hinzuweisen. Ein bissiges Wort von Borges, das ich hier aus dem Gedächtnis, dem Sinn nach, zitiere, gab mir die Richtung vor:

„Der Aufbau einer Bibliothek beginnt mit dem Weglassen der Bücher von Jane Austen.”

Natürlich geht es mir nicht darum, Jane Austen eins auszuwischen, die all meine Sympathie und Wertschätzung hat, sondern das Prinzip zählt: nicht alle Bücher beachten (wollen / müssen). So gesehen ist Denkmuff kein Literaturblog – oder es ist gerade darum ein Literaturblog.

Ein Buch zum Herbst, vielleicht. Ich bin zufällig darauf gestoßen, beim Stöbern im Internet. Scheint ein interessanter Autor zu sein: Helmut Salzinger, geboren 1935 in Essen, gestorben 1993 in Odisheim. Werd mal was bestellen.
Mir gefiel (auch) ein Gedicht Salzingers, das auf der Website des Engstler Verlags (noch eine Entdeckung) nachzulesen ist. Vorher verabschiedet sich, für heute, urmel. Allen einen guten Sonntag. [urmel = mreul]

MOLLBERG (1)
Amsel steht
starr im Wald
starrt mich an
bewegungslos
oder nein, wie
ein Stück Holz
beruhigt hinterm Fenster
lehn ich mich zurück, da
flatterts hoch, kreischt
auf und davon

[Dies Gedicht ist nicht im angezeigten Buch enthalten, sondern ist nachzulesen in dem weiterhin lieferbaren Band Die beiden Hände des Sperbers.]

  • Helmut Salzinger, Moor. Ein Versuch nichts zu erzählen. Aus dem Nachlass herausgegeben von Mo Salzinger. 132 Seiten. Head Farm, Odisheim 1996. 10,00 Euro (Vertrieb durch den Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön.) – vergriffen

„So birgt Moor eine vollkommen unprätentiöse autobiografische Prosa. Ein Mann durchstreift mit seiner Hündin menschenferne Moorgebiete, findet einmal Beeren oder stößt auf ein Schlangenskelett, das sich die Erde schon wieder fast anverwandelt hat, ein andermal stellt sich ein Vogelflug ein oder ein jäher Wolkenbruch … Salzinger hat sich in seinem ökologischen Ansatz von jeder Rührseligkeit, aber auch von jedem Machbarkeitswahn freigeschrieben. Er eröffnet den Blick auf eine Natur, in der der Mensch nicht mehr im Zentrum steht, allenfalls noch geduldet wird als etwas Randständiges, Vorübergängliches.” – Neue Zürcher Zeitung

E. E. Cummings, Fairy Tales – Märchen

CummingsDies sind (vier) Märchen, die Cummings seiner Tochter Nancy erzählte, „als sie ein ganz kleines Mädchen war”, wie es auf der Umschlagrückseite heißt. Sie sind also zum Vorlesen bestimmt, dazu auch bestens geeignet. – Der alte Mann, der „Warum” sagt (aus der ersten Geschichte), lebt auf dem Mond. Dort erhält er Besuch von einem Elf, der von einem „ganz weit entfernten” Stern, wo man „Sternblütenblätter und Luftblumen” isst, zu ihm geflogen kommt, weil die Leute „auf den Sternen und überhaupt überall und in der Luft” es satt sind, dass er immer nur „Warum” sagt. – Diese Sternianer sind wirklich aufgebracht. „‚Du mußt ihn dazu bringen, daß er nicht mehr warum sagt!’ schrien die Leute alle zusammen”. Der Elf verspricht’s, fliegt hoch, und noch ein Stück höher …
Doch der erste Gesprächsversuch verläuft mühselig, denn der alte Mann hört schlecht, ja, hört er überhaupt etwas?

„‚Das ist ja zum Davonfliegen!’ sagte der Elf verdrießlich, und er öffnete seine Flügel und flog schnell ganz hinauf bis zur Spitze des schlanken Kirchturms und ließ sich dicht neben dem kleinen alten Mann nieder und brüllte mit aller Kraft: ‚Was tust du denn hier oben?’ Und der kleine sehr sehr sehr sehr sehr sehr sehr alte Mann lächelte und sagte, indem er den Elf anblickte: ‚Warum?’”

Tja, so kann’s gehen! Was dann passiert, sei nicht verraten. Dies hintergründige Märchen bleibt haften.
Die drei anderen (sie fangen – wie schön! – tatsächlich alle mit „Es war einmal …” an) handeln von einem Elefanten und einem Schmetterling, von einem Haus, das Mücken-Pie isst sowie von einem kleinen Mädchen namens Ich, das ein anderes Mädchen trifft, das Ich in großes, doch freudiges, Erstaunen setzt. Und da geschieht etwas Schönes, Friedliches, und dann ist das Märchen aus. Und dann heißt es knapp: „Und das ist das Ende von der Geschichte.”
Die Träume können kommen. Wunderbar!

  • E. E. Cummings, Fairy Tales – Märchen. Englisch (USA) und Deutsch. Deutsch von Hanne Gabriele Reck und Kristof Wachinger. Mit zwölf Zeichnungen von Antonia Cormeau. 64 Seiten. Englische Broschur. Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 1995. 9,00 Euro (textura) – vergriffen – Die Neuausgabe im Verlag C. H. Beck, der die textura-Reihe fortsetzt, erschien 2008.
    Statt der Zeichnungen von Antonia Cormeau enthielt sie Linolschnitte von Ludwig Arnold. Leider ist auch dieser Band vergriffen und wird laut Angabe des Verlags nicht wiederaufgelegt. – Nachtrag 4.4.2016: Heute habe ich gesehen, dass für diesen April eine Neuauflage angekündigt ist.

[Wiederveröffentlichung von 2007. – Aktuelle Ergänzung:]

Cummings2Das Märchen Der Elefant und der Schmetterling ist als einsprachig deutsche Bilderbuchausgabe im Gerstenberg Verlag lieferbar. Die schönen Illustrationen sind von Linda Wolfsgruber (Blick ins Buch: hier).

„Linda Wolfsgruber übersetzt E. E. Cummings‘ märchenhafte Erzählung in poetisch fragile Bilder: Kontrastreich und dennoch harmonisch arrangiert sie Gestempeltes, Gezeichnetes und Gedrucktes zu einer feinfühlig flächigen Kulisse, vor der sich die Liebesgeschichte des ungleichen Paares entfalten kann.” – Leporello

Der Band stand auch auf der Empfehlungsliste Die besten 7 Bücher für junge Leser des Deutschlandfunks. „Eine wunderbare Liebesgeschichte. ein Bilderbuch zum Vorlesen und Schauen, voller Poesie”, lautet hier, recht unspezifisch, das Lob.

  • E. E. Cummings / Linda Wolfsgruber, Der Elefant und der Schmetterling. Deutsch von Hanne Gabriele Reck. 32 Seiten, gebunden. 30 x 22,5 cm. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2013. 13,95 Euro

Antje Rávic Strubel, Fremd Gehen. Ein Nachtstück

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Antje Rávic Strubel hat etwas zu erzählen, und sie erzählt es gut. Bereits mit ihrem ersten Roman, Offene Blende, im Frühjahr 2000 erschienen, zeigte sie sich als hochbegabte Autorin, deren stilistische Ambitionen ihr keineswegs zum Nachteil ausschlugen.
Sie hatte die Latte hoch gehängt und nahm sie mit Bravour.
Noch im selben Jahr folgte der Episodenroman Unter Schnee.
Nun [2002, A. d. R.] hat Strubel einen psychologischen Krimi vorgelegt, den sie beziehungsreich als „Nachtstück” bezeichnet, und dessen kühle Raffinesse sich bereits im Titel ankündigt: Fremd Gehen. – Es ist ein manipulativer Titel: Man schiebt die Wörter automatisch zusammen, als wären sie ein Teleskop, durch das sich schärfer sehen ließe.

Berlin im Herbst. Daniel Stillmann, Mathematikstudent im siebenten Semester, steht am Fenster seiner Kreuzberger Wohnung und blickt in die finstere Regennacht hinaus. Er beobachtet einen alten Mann, der vorgebeugt am Kanal steht und etwas ins Wasser zu werfen scheint. Genaues ist nicht zu erkennen. Am nächsten Tag macht sich die Spurensicherung an der Stelle zu schaffen, wo der Alte gestanden hatte. Leichenteile sind gefunden worden: ein Ohrläppchen mit halb herausgerutschtem Ohrstecker, ein Teil eines Schenkels. Daniel erfährt es in der Bäckerei.

„Vielleicht war der Mann, bevor er ins Licht getreten war, jung gewesen.”

So beginnt die eine Geschichte.
Die andere handelt von zwei jungen Leuten, die gemeinsam einen Krimi schreiben: ein Mädchen aus Ostdeutschland namens Marlies und das anonyme erzählende Ich, das sich, obschon von Beginn an präsent, erst nach sechzehn Seiten explizit mit dem Bekenntnis zu Wort meldet:

„Ich hatte wenig Lust auf Abenteuer. Sie schienen mir eine Ablenkung vom Charakter der Figuren.”

Die dritte Geschichte entsteht im Kopf des Lesers, der Realitätspartikel aus der Welt des schreibenden Pärchens in dem von ihnen verfassten Krimi verändert wieder auftauchen sieht und nun mehr und mehr dazu verleitet wird, die Fiktion des Krimis für die Wirklichkeit der beiden Autoren und zumal des Erzähler-Ichs zu halten, dessen Glaubwürdigkeit im übrigen keineswegs gesichert scheint.
So klingt die Mitteilung über die Romanfigur wie eine versteckte Selbstcharakterisierung:

„Aber seine Erinnerungen waren so unzuverlässig wie seine Freundin.”

Fremd Gehen überträgt den Mathematikfimmel seines Helden, dem der „Multiplikationssatz der bedingten Wahrscheinlichkeit” ebenso geläufig ist wie der geheimnisvolle „Hilbert-Raum”, ins Formale seiner dreißig Erzählabschnitte. Auf zwei typographisch unterschiedene Abteilungen zu je fünfzehn Kapiteln verteilt, bilden sie eine strenge Konstruktion, die indes zugleich den ironischen Sinn der Architektin verrät, die die Präzision so angelegt hat, dass sie nicht verfängt.
„Räsonieren wir ohne Furcht, der Nebel wird sich schon halten”, mag sie sich mit Beckett gedacht haben.
In der Polizeiwachenszene – einem der Kabinettstückchen des Buches -, in der Daniel eine wahnsinnige Rede von Holzpferdchen und schmelzendem Glas zu Protokoll gibt, deren eifernde Paranoia Strubel glänzend mit dem süffisanten Gestus des diensthabenden Kriminalkommissars kontrastiert, wird dies grundlegende Bauprinzip des Buches mit den Worten umschrieben:

„Daniel sah winzige Pünktchen in der Iris des Beamten, den Ausschnitt eines Koordinatensystems, dessen Bestimmung jedoch unklar blieb, weil die Achsen außerhalb des Ausschnitts lagen.”

Der Leser sieht alles, aber er durchschaut nichts, jedenfalls nicht so schnell. Es ist ein Hinhalten im doppelten Sinn. Das ist raffiniert und auch ein bisschen fies gemacht, vor allem aber setzt es jene befriedigende, vorwärts drängende Frustration in Gang, die Spannung (ver)heißt.

„Alles wird immer schon dagewesen sein, nur die Bedeutungen können sich um wenige Grade verschieben.”

Erst, wenn man das Buch zuklappt, eröffnet es sich in seinem ganzen Reichtum.
Neben seiner kunstvollen Konstruktion ist an Fremd Gehen die Sprache zu loben. Nüchtern und genau, hält sie die Welt im festen Griff und verfügt zugleich über die Geschmeidigkeit und Wandlungsfähigkeit, die nötig sind, um die verschiedenen konkreten und abstrakten Lebenswirklichkeiten verlustlos in Literatur umzumünzen. – Scheues Begehren, Liebesangst, Schuldempfinden und Wahn werden ebenso getreu und gekonnt wiedergegeben wie eine Sturmnacht in der Ostsee oder das überrennende Aufwärtsblättern einer elektronischen Anzeigetafel.
Den ungesunden Teint eines Rauchers fasst Strubel in den prägnanten Satz:

„Seine Haut sah aus wie eine gelbgerauchte Gardine”.

Von einer etwas zappeligen Studentin heißt es:

„Ihre Zöpfe klebten ihr wie Ausrufezeichen an den Schultern.”

Strubel hat eine glückliche Hand für solcherart bildhaft-komprimierte Darstellung, doch ebenso beherrscht sie auch die minutiöse, mimetische Beschreibung, die sie bei Bedarf mit fachsprachlichen Wörtern wie Persenning, Schanzkleid, Davit oder Schupp anreichert, in denen sich Eindeutigkeit und Verrätselung auf bezwingend suggestive Weise verbinden.

Alle diese Qualitäten wie auch die sorgfältige Motivarbeit, die das dichte Textgewebe unaufdringlich doppelt, weisen Antje Rávic Strubels „Nachtstück” als ein Meisterstück aktueller Erzählkunst aus – es gibt nichts daran zu mäkeln. urmel

[Wiederveröffentlichung einer 2002 geschriebenen Kritik, die am 28.4.2007 auf Monnier Beach, dem Blog meiner Buchhandlung, erschienen war – und vorher nicht? … erinnere mich nicht mehr … – und nun zum ersten Mal seit vier Jahren wieder online verfügbar ist. Die damalige Überschrift lautete: „Verbrecherball im Haus der Sinne. Antje Rávic Strubel brilliert mit einem doppelbödigen Krimi”.]