Rufe

„Rollschuhfahrer, Rollstuhlfahrer,
Türken mit Tüten voll frischem Gemüse –
zu Hause am Herd ihre schweigsamen Frauen
rühren in Töpfen mit Hüten aus Dampf …”

Leider gefiel mir mein Gedicht nicht, als es fertig geschrieben war, aber heute kamen mir die Anfangsverse wieder in den Sinn. Ich dachte daran, weil mich abends immer die Rufe der Gemüsehändler erfreuen: „Angebot! Angebot! Angebot! Vier Jeuro jest!” – die eine Dringlichkeit haben als wäre Gemüse demnächst für immer aus.
Mit Einfahrt der Züge am S-Bahnhof Zehlendorf springt unten am Zehlendorfer Damm ein Singsang an, der jedes Mal Mangos anzupreisen scheint. Blick und Stimme des Verkäufers sind treppauf gerichtet, von wo alle zehn Minuten die Erlösung kommt, vielleicht.
Bei uns früher schallten andere Rufe durchs Haus, beispielsweise so: „Rosemarie! Barzel!”
Mein Vater war nämlich politisch interessiert und verfolgte gerne Fernsehübertragungen von Bundestagsdebatten. Manch Redner des konservativen Lagers stand bei ihm hoch im Kurs, meine Mutter sollte gleichfalls daran teilhaben.
Auch Helmut Schmidt fand Gehör, auch Gnade, ein guter Mann – nur in der falschen Partei (sagte mein Vater), während andere sozialdemokratische Prominenz schlecht wegkam, da musste sie gar nicht erst den Mund aufgemacht haben. Horst Ehmke wurde als „fieser Möpp” abgekanzelt, Willy Brandt und Egon Bahr galten als „Verräter”, Herbert Wehner als „Verbrecher”, mindestens aber als „Brechmittel”.
Ich habe damals sicher mitgeguckt, war aber vermutlich emotionslos – ebenso wohl auch beim ZDF-Magazin mit Gerhard Löwenthal, bei dem mich allerdings der krakelige Vorspann interessierte und die herzinfarktmäßige Musik, die ich erst viel später zuordnen konnte, als nämlich im Radio das Konzert für Orchester von Witold Lutoslawski vorgestellt wurde und der Moderator launig sagte: „Immer wenn früher diese Musik im Fernsehen lief, haben wir abgeschaltet …”.

Als Familienwitz hat sich folgendes Geschrei im Gedächtnis gehalten:
„Rosemarie! Tee oder Kaffee?”
„Tee!”
„Rosemarie! Tee oder Kaffee?”
„Tee!!”
„Rosemarie! Tee oder Kaffee?”
„Tehee!”
Nach kurzer Pause:
„Ali oder Belmont?”
Zwei Kaffeemarken. Aber der gute Wille zählt.

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2 Kommentare zu “Rufe

  1. Da ich noch ein paar Jahre älter bin, erinnere ich mich an die Lumpensammler: Lumpen, Eisen, Papiiiiiier! Haaaaaaderlumpen, Haaaaaderlumpen! – oder ist es nur Einbildung und versetzte mich die Phantasie dorthin? Schöne Erinnerungen, immerhin, auch wenn ich die beschriebene politische Zeit in jeder Hinsicht peinlich finde. Bei Löwenthal war ich schon weg, weswegen mir die Musik auch nichts sagt. Die Gemüsehändlerrufe mag ich auch sehr, so mit innigem Ernst und mitunter weniger addressiert und eher irgendwie gebetet.

  2. Die Lumpensammler hätte ich gern rufen hören, aber da habe ich wohl zu lange getrödelt.
    Was die siebziger Jahre betrifft, in politischer Hinsicht, habe ich kein Gefühl, nur Fernsehbilder, Aushänge in öffentlichen Gebäuden („macht von der Schußwaffe Gebrauch”). Waren alle zehn Jahre von 1970 bis 1979 bleiern oder hatten die Jahre bis 1972 oder 1973 noch etwas übrigbehalten vom Optimismus, den ich den 60er Jahren zutraue, ohne sie selbst erlebt zu haben? (Weiteres demnächst.)

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