Tiere bewegen sich fort

Igel schnurren, Hummeln tumbeln, Eichhörnchen klettern kopfüber vom Baum (schon länger keins gesehen), erstarren für den Bruchteil eines Bruchteils: sieht man gut ihre Knopfaugen. Dann weiter, hurtig übers Geländer. Meisen uen und ween durch die Luft oder tropfen akrobatisch durchs biegsame Gezweig und bepicken die jungen Triebe. Was man für Kohlmeisen hält, sind vielleicht Tannenmeisen, könnte sein. Als ich die Neuruppiner Straße entlanglief – das war nicht der Plan – ließ mich der (wahrscheinlich) Revierruf eines Vogels aufmerken, und ich, der ich ihm sein Revier gar nicht streitig machen wollte, sah mich beschwichtigend um und sah keinen Vogel, aber dann doch streckte einer seinen Kopf aus einem Baumloch, mit roten Federn oben: ein Grünspecht, las ich nach. Hunde traben oder trippeln, die mobile Nase immer auf Empfang, sehr bauminteressiert, freudig oder mackermäßig dominant bei Treffen mit Artgenossen. Schludern achtlos hinterher und ckecken mit eingenicktem Kopf ihr Smartphone die notorisch Abwesenden, Herrchen oder Frauchen. Ameisen kreiseln wirrwarrig, das hatten wir schon. Aber mit Australien haben sie nichts am Hut – bloß dichterische Freiheit im säuseligen Poetenkopf von Joachim Ringelnatz aus Wurzen.

Neulich habe ich mir einen Wein gekauft, um die Goldene Palme für Maren Ade zu feiern, aber dann hat sie sie gar nicht gewonnen, ich war ernüchtert. Die Jury hatte entschieden: „Kinder, lasst uns die Welt langweilen!” Den Wein hab ich noch, jetzt trinke ich ihn so. Für 75 cl brauche ich vier Tage. Heute noch und morgen.

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6 Kommentare zu “Tiere bewegen sich fort

  1. Auch ein passender Beitrag zum Fronleichnamstag, à la: „Kommt her, ihr Kreaturen all, kommt was erschaffen ist.“ Das „uen“ und „ween“ muß ich erst noch verstehen; aber es freut, all das Wortgebimmel. Hab‘ Sprachwitz als Franziskus vor Augen, im Nebulus von Kreuchern und Fleuchern. PS ich mag die Kategorien der Seitenspalte: jüngste Regungen, usw. Originell. Und zum Schluß: Prost!

  2. hab heut früh eine stattliche gelbbraune kröte gesehen, so groß, dass sie auf meine offene hand wohl gerade noch gepasst hätte. — ich steh da hinterm haus im morgenlicht, den jungen tag beschnuppernd, schau so herum und da sitzt sie plötzlich: bewegungslos auf dem kleinen pflasterweg in einem fleck sonne. ich auch jetzt: bewegungslos. nichts geschieht. ich überlege, wie ich, ohne sie zu verschrecken, an mein handy kommen könnte (fotto machen, naja -) und wende, so in gedanken, den blick ganz kurz ab, ein momentlang nach oben schweift mein aug – das nutzt sie aus, um lautlos zu verschwinden (hier ist viel wucherndes grün, eine art biotop, kleine wildnis, auch feuchte verstecke). der sonnenfleck auf dem pflasterweg leuchtet … pegagrüße nach berlin und einen angenehmen abend!

  3. ahhh, jetzt kapier ich’s (schlägt sich mit flacher Hand vor die Stirn)!
    O Mann, eine Kröte würde ich auch mal gerne wieder sehen! Sie haben so etwas Archaisches, nech?

  4. Ja, die Kröte ist ein komplexes Symboltier, was wurde nicht alles auf sie projiziert … Alfred Brehm fasst die ganze Krötenemblematik und -problematik in seinem Tierleben 1884 so zusammen: „Keine Tierfamilie hat von alters her bis zum heutigen Tage mehr unter dem allgemeinen Abscheu der Menschen zu leiden gehabt, keine ist unerbittlicher und mit größerem Unrecht verfolgt worden als die Kröte.“

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