Marc Degens, Das kaputte Knie Gottes

Das kaputte Knie Gottes von Marc DegensMarc Degens, 1971 in Essen geboren, ist ein Mann vieler Talente. Freier Schriftsteller seit Beginn der 90er Jahre, ist er auch als Herausgeber des Online-Feuilletons satt.org [von 2000 bis 2012, Anm. M.R.] und der SuKuLTuR-Heftreihe „Schöner Lesen” aktiv [für die inzwischen, aber noch nicht lange, Sofie Lichtenstein und Moritz Müller-Schwefe verantwortlich zeichnen, Anm. M.R.], die seit 2004 vor allem über Süßwarenautomaten vertrieben wird. Ein Wikipedia-Artikel erwähnt zudem (mir obskur erscheinende) Popformationen, Superschiff und Stendal Blast, in denen er Mitglied gewesen sein soll – möglicherweise eine Legende, vielleicht auch nicht.

Das kaputte Knie Gottes – der Titel von Degens‘ gerade [d. i. 2011, s.u.] erschienenem neuen Roman (nach Hier keine Kunst von 2008) leitet sich von einer Skulptur ab, die Dennis Kirchner geschaffen hat, eine der Hauptfiguren in dieser von den 80er Jahren bis zum Beginn des neuen Jahrhunderts reichenden Geschichte dreier ungleicher Freunde und ihres Aufwachsens im Ruhrgebiet zwischen Bochum und Gelsenkirchen.
Neben Dennis, dem Bildhauer, sind dies Mark, Lehramtsanwärter (zugleich Ich-Erzähler), und Lily, Lenin-Verehrerin, Zigarillo-Raucherin und Studentin mit wechselndem Studieninteresse. Mark vermittelt typmäßig zwischen dieser Extravaganten und dem asketisch-sturen, stolzen Dennis. Eskapaden nicht abgeneigt, bleibt er doch im Grunde „daheim bei Tante Polly”, wie er in Anspielung auf Mark Twain feststellt – Huck Finn, das sind andere. Indes, ob der ‚Normalo‘, verglichen mit den Lebensbewegungen seiner Freunde, die auf je eigene Weise in die Angepasstheit münden, sich letzten Endes nicht doch am ehesten Verrücktheit und Abenteuersinn bewahrt hat – diese Deutung lässt Degens immerhin zu.

Der Bochumer oder Bochum-Kenner wird vieles in diesem Roman wiedererkennen – das Fiege Pils, das hier getrunken wird, die Diskothek „Zwischenfall”, das Café Oblomow, das Stadtmagazin Coolibri -, doch ist es nicht nötig, dass dem Leser diese lokalen Anspielungen etwas sagen, die er ohnehin mit eigenen Erinnerungen vergleichen wird.
Die Geschichte einer Inszenierung von Brechts Stück Die Mutter, die Begegnung mit einem kunstbeflissenen Handwerker („Kunst verstehn heißt sie kaufen”), den man sich so ähnlich vorstellt wie die proletarische, von Armin Rohde verkörperte Figur Bierchen in Kleine Haie, die Episode eines tonnenschweren Hauptgewinns (eine sperrige Ladung Hunde-Dosenfutter) oder die einer bizarren Ausstellungseröffnung – dies zu lesen bereitet Vergnügen, ebenso wie die mit satirischer Schärfe gezeichneten Kunstmarkt-Szenen oder die grelle Schilderung Berliner Party-Lebens mit seinem je vollkommen irrsinnigen Personal.

Das kaputte Knie Gottes: Im Scheitern großer Pläne, im Auseinanderklaffen zwischen Größtem und Kleinem, Irdischem, liegt Komik, springt Komik hervor (sie ist nicht anders vorstellbar als beweglich). Andererseits ist Komik auch sublimierter Schmerz, und so ist Degens‘ Roman, so kurzweilig und lustig er zu lesen ist, auch ein Denkmal für die Durststrecken und Niederlagen, für die enttäuschten Hoffnungen und den Katzenjammer seiner Helden.

Leseprobe: hier (pdf).

[Wiederveröffentlichung vom 4.9.2011 (vor meiner Zeit bei satt.org)]

Außerdem:

  • Marc Degens, Fuckin Sushi. Roman. 320 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. DuMont Buchverlag, Köln 2015. 19,99 Euro
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