Ivan Wernisch, Ausgewühlte Schriften

WernischDer Titel ist schon gut. Aber was hier von Peter Urban versammelt und ins Deutsche gebracht wurde, „mit Wernischs Behagen”, wie der Berliner Kritiker Roland H. Wiegenstein weiß – nun, ausgebuddelt mag’s ja sein; springgrün ist’s dennoch allemal.

Spöttisch, grotesk, albern, bissig, kurzweilig und ganz gewiss langlebig sind diese 51 Miniaturen aus einer nicht fernen Welt. In vielen der Stücke taucht ein „Bedřich” oder „ein anderer Bedřich” auf, eine Art tschechischer Herr Keuner, doch auch Zdaslaf Mraskano, Tupp und Pupp, der Doz. B., Prof. T. oder die drei Fu, das sind Fu, Fu und Fu, beteiligen sich am bunten Treiben, das der 1942 geborene Autor – nach über 20-jährigem Publikationsverbot erst nach 1989 wieder aus der Versenkung hervorgekommen – auf knapp hundert Seiten mit unerschöpflicher Phantasie entfesselt.

Wernischs Sprache ist so frisch, so nonchalant, dass man mit der Zunge schnalzt.

„Er tat sich Honig in den Tee, leckte den Löffel ab und trat ans Fenster – um zuzuschauen, wie es draußen regnet.”

Aber es regnet nicht, und überhaupt kommt in der Geschichte „Der Kuckuck” alles anders als erwartet, bis am Ende die Erleichterung darüber steht, „an nichts mehr denken zu müssen”.
Eine andere Geschichte, „Ein langer Tag”, beginnt mit den Worten:

„Die Erde ist rund. Sie ist rund und ruht auf vier Elefanten.”

Immer gelingt Wernisch dieser Coup, den Leser mit ein paar hingestreuten, wohlgewählten Worten zu ködern. Das funktioniert auch beim Wieder- und Wiederlesen, und das ist große Kunst.

„Dieses Büchlein ist ein ideales Geschenk für Leute, die man mag, also für einen selbst”, schreibt Wiegenstein. Ich kann das unterstreichen. Die Ausgewühlte[n] Schriften gehören in jeden distinguierten Bücherschrank – und eigentlich auch in jede Kneipe. Ich gratuliere jedem, der sie entdeckt. A splendid time is guaranteed for all.

  • Ivan Wernisch, Ausgewühlte Schriften. Kurze Prosa, Gedichte und Dramoletts. Aus dem Tschechischen von Peter Urban. Umschlag-Entwurf von Horst Hussel. 96 Seiten, fadengeheftete französische Broschur. Friedenauer Presse, Berlin 1994. 16,00 Euro (Wolffs Broschuren)

[Wiederveröffentlichung von 2009. – Der Empfehlung folgte damals überraschenderweise eine Schallplattenkurzkritik:]

Hecker, Infinite Love SongsMaximilian Hecker, Infinite Love Songs

Scheue Einmannshow zum Thema Zweisamkeit.
12 mimosenhaft-romantische Stücke mit Hang zum Kitsch. Den Gesang muss man mögen, sonst wird das nichts.

Soweit Monnier Beach anno 2009. Vielleicht habe ich damals übersehen, dass Verlegerin Katharina Wagenbach-Wolff bereits 1990 ein Buch von Wernisch herausgebracht hatte, also sobald es möglich war, nämlich Es beginnt der gestrige Tag. Hier ist der Übersetzer Konrad Balder Schäuffelen.

Auf der Verlagsseite heißt es dazu:

„Ivan Wernisch (geb. 1942 in Prag) begann in den fünfziger Jahren zu schreiben, sein erstes Buch erschien 1961 und wurde von der Kritik gelobt; bis 1968 folgten weitere Bücher und Veröffentlichungen in Zeitschriften. Er hat die Jahre der ‚Normalisierung‘ als Hilfsarbeiter in verschiedenen Berufen, zuletzt als Nachtwächter gearbeitet. Die einzig erlaubte literarische Arbeit waren Übersetzungen aus dem Holländischen und Deutschen, Russischen, Englischen und Französischen, auch wenn er dafür Wörterbücher brauchte. Seine eigenen Gedichte sind nur Eingeweihten bekannt und für die gilt Wernisch als einer der wichtigsten und größten Dichter der Gegenwart. Eine neue Sammlung seiner Gedichte lag längere Zeit beschlagnahmt auf Lager. Als die Auflage Ende November 1989 freigegeben wurde, waren 4000 Exemplare in einem halben Tag verkauft. Die Friedenauer Presse legte 1990 erstmals eine Auswahl seiner Gedichte in deutscher Übersetzung vor.”

Wernisch2Und diese Auswahl ist eben das Buch:

  • Ivan Wernisch, Es beginnt der gestrige Tag. Gedichte. Aus dem Tschechischen übertragen von Konrad Balder Schäuffelen. 24 Seiten, fadengeheftete Broschur. Friedenauer Presse, Berlin 1990. 9,50 Euro (Friedenauer Presse-Drucke),

zu dem ich mehr leider nicht sagen kann, weil ich es nicht besitze. – Mal sehen. Erst mal kaufe ich, sobald mein Honorar für die März-Kritiken da ist, bei ZADIG mein dort bereits für mich reserviertes Mallarmé-Buch.

Und vielleicht suche ich mir doch mal eine einträglichere Arbeit, unter Umständen eine Saisonarbeit, und lasse die Kunst schleifen. Das wäre wahrscheinlich vernünftig. Krankenversicherung sollte ich auch anstreben. Drei Jahre ist es gut gegangen. Na ja, eins nach dem andern.

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