Steffen Popp, Kolonie Zur Sonne

Popp, Kolonie„So nah kommt es heran, das Wunderbare / Zu unseren dreckigen, zerfallnen Häusern …” dichtete einst Anna Achmatowa (die deutschen Verse von Barbara Honigmann).
Auch Steffen Popp, der junge Dichter (geb. 1978 in Greifswald, aufgewachsen in Dresden, heute in Berlin lebend), hat beides, das Wunderbare und das Profane, im Blick, auch er versteht es, Pathos und Heiligkeit zu vermeiden und doch ein Gefühl dafür zu vermitteln. Nur um den Preis zersplitterter Gläser lässt sich die Monstranz hoher dichterischer Rede bewahren.
„Den Wald einreißen / ihn in der Nähe des Herzens neu aufrichten”, umschreibt Popp lapidar sein Verfahren der Rekonstruktion des wiederbringlich kaputtgegangenen Schönen.
Wie schon in seinem Debut Wie Alpen (2004), tritt der Dichter als blitzgescheiter Spieler auf, der Lesefrüchte, Alltagsbeobachtungen, Gold und Schnodder zu lässig wirkenden Gedichten fügt. Die beiläufige  Brillanz, mit der er das macht, hat etwas Freches und nimmt unmittelbar für seine Texte ein, die sich übrigens keineswegs leicht knacken lassen. Macht aber nichts. Je härter die Schale, desto nahrhafter das Fleisch.

Kolonie Zur Sonne, wie der – Schrebergarten und Himmelskörper komisch zusammenbindende – Titel von Popps drittem Buch bei kookbooks lautet, enthält vierundvierzig Gedichte, untergliedert in die vier Teile „Sternenstadt” (11), „Tristan Gelände” (11), „Meeresstudio” (10) und „Magische Jagdpost aus Rehheim” (12). Die Diskrepanz zwischen dem Hohen und Niederen wird verschiedentlich aufgerufen – immer in Blickrichtung von unten nach oben, „auf einer Holzbank unter der Wolkenbank” sitzend -, aber vielleicht ergibt die Unterscheidung auch gar nicht viel Sinn, setzt man als gegeben, dass es dem Autor um die Romantisierung (oder Auratisierung) des Seins geht – da sind Schlaftiere oder ein Schokoladehase, sind Wäscheduft und Wärmepumpen durchaus satisfaktionsfähig. (Lesenswert in diesem Zusammenhang auch die mit abgedruckte poetologische Selbstauskunft Popps.)

Im einzelnen genauer unter die Lupe zu nehmen wären die Bilder von den „Steinen”, den „Bäumen”, dem „Meer”, dem „Schnee”: „[D]ie Steine sind Arbeit am Meer”; „fand Steine in dieser Nacht / kann nicht sagen, woher sie kamen”; „was ich sagen will kommt von den Steinen / die aus den Toten wachsen”; „[d]u gehst davon mit seltenen Pflanzen, Steinen / führst die Schildkröte fort an einem blauen Faden”, usw.
„[D]ie Nordwestpassage war frei von Eis” endet ein Gedicht, das nächste hebt an: „Unmerklich stilbildender Wind aus Nordwest” – vielleicht eine Anspielung auf die gemeinsam mit Uljana Wolf erarbeitete Übersetzung der Gedichte des US-amerikanischen Lyrikers Christian Hawkey? Nicht wenige der Verse verstehe ich als autopoetischen Kommentar.

Einmalig Popps wilde Mischung unterschiedlichster Sprachregister. „Superschwulstzeilen” (Popp über Popp) kollidieren mit herrlich kühnen, aus genauer Beobachtung gewonnenen, Metaphern („die Festbeleuchtung / hängt in den Kronen wie ein verwelktes Klavier”, „das Kind […] reitet die stehende Woge / den Raum”), mit witzigen Wahrnehmungen („Marder, stoned von Bremskabeln”) und schlicht schönen Fügungen wie: „wir aber wollten tiefer hinein in die Destillen der Zartheit”, die so, wie sie da stehen, lange überdauern könnten.

  • Steffen Popp, Kolonie Zur Sonne. Gedichte. 62 Seiten, broschiert, im Schuber. kookbooks, Idstein und Berlin 2008. 19,80 Euro

[Wiederveröffentlichung eines am 8.6.2009 unter dem Titel „Pracht und Profanität” auf meinem damaligen Buchhandlungsblog „Monnier Beach” erschienenen Beitrags (leicht gekürzt). – Anmerkung 2016: Ob die Zahl der Gedichte mit Reinhard Priessnitz zu tun hat? Siehe dessen Band vierundvierzig gedichte (1987)]

Im folgenden eine kleine, unvollständige Linksammlung zum Buch. Solange es noch kein TEXT + KRITIK-Heft gibt, das einem die Aufgabe abnimmt, finde ich es immer nützlich, wenigstens im kleinen schon mal die Rezeptionsgeschichte zu dokumentieren.

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