Peter Adolphsen, Das Herz des Urpferds

Adolphsen„Als die 22-jhrige Clarissa ihren Wagen tankt, ahnt sie nichts vom Schicksal des Urpferds, aus dessen Herz vor Jahrmillionen Erdöl wurde und das nun als Benzintropfen ihrem Fortkommen gute Dienste leistet. Nur wenige Wochen zuvor wurde dieser Tropfen Benzin, noch in Form von Rohöl, auf einer Ölplattform von einem Arbeiter namens Jimmy, einem aserbeidschanischen Immigranten, zutage gefördert. Zufällig trifft Clarissa auf Jimmy, als sie ihn kurz nach dem Tanken als Anhalter mitnimmt. Die beiden fahren zu Clarissa nach Hause, und dabei explodiert im Motor der Benzintropfen, der sich am nächsten Morgen als Rußpartikel in Clarissas Lunge einnistet.” (Verlagstext)

Das Herz des Urpferds, im Original unter dem Titel Machine erschienen, ist ein äußerst raffiniertes Buch, scharfsinnig und ironisch. Mir kamen nach der Lektüre einige filmische Assoziationen, z. B. dachte ich an die Zeitlupen bei Sam Peckinpah, an den Anfang von Blue Velvet, wenn erst ein wohlfrisierter Vorgarten gezeigt wird und sich die Kamera dann plötzlich ins Erdreich einwühlt und Würmer und Maden vor die Linse kriegt, und an jenen von 2001 mit dem hochfliegenden vorzeitlichen Knochen, der nach einem Schnitt zum futuristischen Raumschiff wird.
Auch die vorliegende Erzählung hat einen archaischen Vorspann, im jüngeren Eozän angesiedelt, spielt also zunächst vor mehr als dreißig Millionen Jahren und handelt von Leben, Tod und Zersetzung eines terriergroßen Urpferds.
Der Duktus ist nüchtern, nicht ohne Mitgefühl, aber doch von einem naturwissenschaftlichen Interesse geleitet, was sich an der teilweise stark szientistisch gefärbten Sprache ablesen lässt. Minutiöses, auch maliziöses, Beschreiben scheint dem Erzähler Spaß zu bereiten, und es hat auch für den Leser etwas Humoristisches.
Die Erbarmungslosigkeit, den Blick beim Eintritt des Todes des Urpferds nicht schamhaft abzuwenden, sondern nun erst recht genau hinzugucken, wird abgefedert durch trockene Bemerkungen wie: „Biologisch betrachtet, lässt sich zwischen lebendig und tot nicht unterscheiden” – eine unbestreitbare Tatsache, die aber ironisiert wird, wenn es dann weiter heißt: „… und schließlich ist der Tod eines jeden größeren Organismus der Anfang einer veritablen Explosion anderen, primär bakteriellen Lebens.”

Der ‚moderne‘ Teil der Erzählung versetzt den Leser in die 60er und vor allem mittsiebziger Jahre. Im Mittelpunkt der Geschichte nun der Ölarbeiter Jimmy Nash, vormals Dschamolidin Hasanov, dessen Lebensweg von Baku nach Utah führt, wo er auf die junge Clarissa Sanders trifft, mit der er eine (mehr angedeutete) Liebesbeziehung anfängt. Anders als Jimmy, der gelegentlich Haschisch raucht, ist und bleibt Clarissa gern nüchtern (für Jimmy geht sie einmal davon ab), macht sich kluge Gedanken, etwa darüber, ob Darwins Formel vom „survival of the fittest” nicht tautologisch sei, weil die Tatsache des Überlebens doch die der besten Eignung zum Leben voraussetze, und spottet über die naive Naturbegeisterung der Hippies, die ihrer Ansicht nach „ultimativ zu einer Einrichtung der Menschengemeinschaft nach demselben Muster wie dem der Maulwurfsart Kahlratte, Heterocephalus glaber” führe.

Die Idee, dass wir in einem Raum-Zeit-Kontinuum leben, bringt der Autor aufs Schönste zum Ausdruck, nicht nur, indem er diese Riesenzeitspanne vom Eozän bis heute in eine – schlüssige – Einheit zwingt, sondern auch, indem er seine Erzählsprache nach Belieben staucht und ausdehnt, verflüssigt und zur Beinahe-Starre bringt. Die meisterhafte Handhabung von Zeitlupe- und Zeitraffer-Effekten lässt eine virtuelle runde Kaugummiblasenzeit entstehen, in der obenauf das Urpferd trabt, während sich im Hintergrund milchig Clarissas Pinto abzeichnet, unterwegs zum Interstate Highway 35 nach San Antonio.

Das Herz des Urpferds ist eine akribisch gearbeitete, hintergründige, intelligent unterhaltende Welt-Geschichte – ein Meisterstück europäischer Erzählkunst, von Hanns Grössel famos übersetzt.

  • Peter Adolphsen, Das Herz des Urpferds. Erzählung. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel. 112 Seiten, gebunden. Nagel & Kimche, Zürich 2009. 12,90 Euro

[Wiederveröffentlichung eines zuerst 2009 erschienenen Beitrags]

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2 Kommentare zu “Peter Adolphsen, Das Herz des Urpferds

  1. „Die Idee, dass wir in einem Raum-Zeit-Kontinuum leben, bringt der Autor aufs Schönste zum Ausdruck, nicht nur, indem er diese Riesenzeitspanne vom Eozän bis heute in eine – schlüssige – Einheit zwingt, sondern auch, indem er seine Erzählsprache nach Belieben staucht und ausdehnt, verflüssigt und zur Beinahe-Starre bringt.” – Da freu‘ ich mich doch, dass diese Stimme aus dem Denkmuff aufs Neue ertönt!

    Das Sterben des Urpferds erinnert mich an den ausgezeichneten kurzen Essay der australischen Rebecca Gibbs in der Granta-Nummer „What have we done” (133 / Herbst 2015), in der sie in „Whale Fall” kühl aber nicht herzlos die Auflösung des großen toten Wals beschreibt: „The whale body reaches a point where the buoyancy of its meat and organs is only tethered down by the force of its falling bones.” etc. …, (also etwa: Der Körper des Wals erreicht einen Punkt, wo sein Auftrieb von Fleisch und Organen, gefesselt an seine Knochen, lediglich abwärts geht.) Es geht dann noch eine Weile so, und auch beim Lesen solch einer Beschreibung passieren merkwürdige Empfindungen, was Raum und Zeit betrifft.

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