„Außerhalb der Gefühle erzählen, ohne die Aufregung vom Band.” Antje Rávic Strubel, Tupolew 134 (4/5)

Strubel, Tu-134Dem instabilen, erst sich aufhäufenden, dann einsackenden Kegel einer Sanduhr vergleichbar, wird in Tupolew 134 Wahrheit in einer fortlaufenden Indizienzufuhr rekonstruiert und dekonstruiert, und wie in Handkes Hausierer bleibt dabei die Aussagekraft der Beweisstücke letzten Endes fraglich.
Zum Beispiel erscheint nach ca. dreißig Seiten erstmals das Motiv einer Brauseflasche:
„Brotkrümel lagen auf dem Tisch, daneben lag eine umgekippte Brauseflasche”.
Dies wird nach achtzig Seiten wiederaufgenommen:
„Die Nummer stand auf einem Zettel, an dessen Rand Brauseflecken klebten”, und dann noch einmal, wiederum achtzig Seiten weiter: „‚Ich möchte lieber Brause statt Tee -’ […] Irgendwo an dieser Stelle taucht eine Brauseflasche auf”. – Das Beharren auf diesem Detail und die kriminologische Genauigkeit, mit der es protokolliert wird, täuschen eine deiktische Komponente vor, die möglicherweise sogar als objektiv gegeben vorstellbar ist; trotzdem ist die Brause eine ‚kalte‘ Spur, weil nicht geklärt werden kann, wofür sie ein Indiz sein könnte.

Die Kunst, die Strubel auf die Form verwandt hat, macht auch die Schwierigkeit für den Leser aus, der, wie beim Memory, herauszufinden hat, wo das passende Gegenstück zu der ‚Karte‘ liegt, die er gerade aufgedeckt hat. – Liest man etwa den Satz: „Und wieder flogen Tauben vor ihr auf”, wird man unweigerlich auch die Stelle lesen wollen, auf die sich dies „wieder” bezieht, und das bedeutet Blättern, Blättern …

„Sie wird sich nicht an die Kästchen halten, sie konnte noch nie geradeaus schreiben.”

So heißt es von Katja, und es gilt auch für Strubel.

Diese Verweistechnik, die je nach Temperament als nervend oder als Kitzel empfunden werden mag, zwingt den Leser zur Adoption der agnostischen Dreifaltigkeit von „Distanz, Draufsicht und Ernüchterung”, von der an einer Stelle die Rede ist, und die auch den weitgehend ruhigen Erzählmodus bestimmt:

„Außerhalb der Gefühle erzählen, ohne die Aufregung vom Band.”

Was Gottfried Benn für die Lyrik einfordert – und Thomas Kling wird nicht müde, es zu wiederholen und für die heutige Dichtkunst anzumahnen -, nämlich „das Material kalt [zu] halten”, das appliziert Strubel auf den Roman.

Die Provokation des ‚zertrümmerten‘, achronologischen Schreibens – abgesehen davon, dass es sich um eine Entwicklung der historischen Avantgarden handelt, was im Kontext einer Literatur, in der es „an Torhütern nicht mangelt” (Michael Lentz), an sich schon ein Statement ist -, besteht darin, dass es mit einem Mal Lesen nicht getan ist; mindestens eine zweite, im Vergleich zur ersten noch langsamere, Lektüre ist erforderlich, um dem Roman ansatzweise gerecht zu werden. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass Tupolew 134 dem wiederholten Lesen standhält, dass seine erzählerische Substanz bei Zweit- und Drittbegehung kein bisschen bröckelt. Im Gegenteil, sie nimmt an Dichte noch zu. – SCHLUSS FOLGT. eioeu

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