„Jedenfalls erzähle ich Ihnen das so”. Antje Rávic Strubel, Tupolew 134 (3/5)

Foto: (c) Gennady Misko / Quelle: Wikipedia Creative Commons http://bit.ly/1MOBWVG

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Vollends ist Misstrauen geboten, wenn sich gleich zu Beginn erweist, dass es eine Romanfigur ist,
genau gesagt: ein im Roman figurierendes Ich, das dieses dreistufige Modell ins Spiel bringt, und zwar im Gespräch mit einer Journalistin, welche über die Geschichte der Flugzeugentführung recherchiert:

„Sie gehen hoch und runter und ganz runter und hoch, und auf jeder Etage stehen die, die nicht wissen, wo sie hin sollen. Sie starren aus allen drei Ebenen der Zeit.”

Diese namenlose Figur bringt auch das Bild vom „Schacht” auf, eines der Leitmotive des Romans, das die Idee des Sichvertiefens in die Vergangenheit überraschend weitgehend konkretisiert:

„Wenn überhaupt was für Sie dabei herausspringen soll, müssen Sie mir folgen. Sie müssen schon rein in den Schacht.”

Bei der im Text selbst aufgeworfenen Frage, „wer da spricht”, möchte man noch ein bisschen länger verweilen. Verbirgt sich die Erzählerin dahinter, Katja möglicherweise, oder ist „ich” das Inkognito der Romanfigur gewordenen Autorin (die mit der Schriftstellerin Strubel so viel oder wenig gemein hätte wie die Figur „Paul Auster” in der New York Trilogie mit Paul Auster), oder treffen sich in dieser zweiten Variablen des Romans gar alle drei: Erzählerin, „Strubel” und Strubel?
Wer sagt:
„Glauben Sie nicht, daß ich mir das ausgedacht habe. Glauben Sie noch weniger, daß es so passiert ist” – und zu wem wird es gesagt?

Die Nacherzählung des Geschehenen – das die Autorin über Aktenstudium und Zeitungslektüre gründlich recherchiert hat – erfolgt vor dem Hintergrund des Paradoxons der kriminalistischen Rekonstruktion, das sie in Fremd Gehen darlegte.
Dort heißt es über die in einem Morddelikt ermittelnden Beamten:

„Sie können niemals einen Fall aufklären, weil ein Fall erst dadurch entstand, daß sie ihn rekonstruierten, aber mit ihrer Rekonstruktion verwischten sie die Fakten, und am Ende hatten sie nur geklärt, was sie selbst erst entworfen hatten.”

Mit der Frage nach der Rekonstruierbarkeit einer Tat hängt die nach der Rechtmäßigkeit von nachträglichen Schuldzuweisungen zusammen, die an gleicher Stelle thematisiert worden war.

„Die Literatur tut ja immer so, als hätte es nie harmlose Menschen gegeben. Alle haben irgendwie an irgendwas schuld, und immer natürlich in der Vergangenheitsform, wo das sowieso keiner mehr nachprüfen und erst recht nicht mehr auseinanderhalten kann, wo die Schuld an wem durch was jetzt verübt worden ist, die Literatur schon gar nicht.”

Strubel ist, so kann man daraus schließen, nicht an der, ohnehin nicht zu erreichenden, scharfen Konturierung des Gegenstands oder Themas interessiert – Wie war es denn nun mit diesem Verrat? -, sondern an der genauen Modellierung der Schatten, in denen dieser Gegenstand notwendig verharrt.
Ironischerweise greift sie zu diesem Zweck auf ein irreal und halluzinatorisch / hypnotisch wirkendes Heranzoomen zurück, das noch die letzte Klarheit beseitigt.
Dem Leser geht es mit fortschreitender Lektüre wie einem, der so lange ein Grün fixiert hat, dass er Rot sieht, wenn er auf Weiß blickt, und er reibt sich die Augen und zögert, noch irgendeine Wahrheit anzuerkennen. Alles wird fraglich, außer das Infragestellen selbst.

Beckett, erzählt der Theaterkritiker Georg Hensel, liebte das deutsche Wort „Zweifel”, das ihm vielsagender als das englische „doubt” erschien, und zwar wegen der in ihm enthaltenen Zweizahl.
Man wird an Becketts Begriffsdeutung erinnert, wenn es heißt:

„Wenn zwei Personen aus unterschiedlichen Gründen denselben Satz sagen, relativiert sich seine Glaubwürdigkeit.”

Nicht seine Glaubwürdigkeit vielleicht, aber seine unzweifelhafte Eindeutigkeit.

„Sie sollten mir nicht vertrauen”

Er ist gewarnt, der Leser. „Sie sollten mir nicht vertrauen”, sagt die Erzählerin, bevor es noch richtig losgeht, und gibt in der Folge wiederholt deutlich zu verstehen – u. a. mittels häufiger, sich widersprechender Hinweise auf die Jahreszeit -, dass man auf sie nicht bauen kann. Sie ist der verkörperte V-Effekt, begnügt sich nicht mit der dienenden Rolle des Erzählers klassischen Typs, der hinter der Handlung verschwindet wie hinter einer Tapetentür, sondern sie platzt immer herein, läuft in die Kamera, „stört das saubere Bild”, exponiert sich als eine gestaltende Erzählerin, die die Geschichte und Vorgeschichte der Flugzeugentführung nicht bloß reportiert (zumal es die Geschichte nicht gibt), sondern sie ‚macht‘, zurechtmacht, aufhübscht, frisiert. (So wie der Rezensent einmal an einem historischen Photographenladen im kanadischen Victoria gelesen hat: „If you have beauty, we can take it. If you have none, we can fake it.”)
Der vermeintliche Analytiker des Geschehens entpuppt sich als Demiurg:
„Jedenfalls erzähle ich Ihnen das so.”
Das kommt zweimal, einmal mit dem Zusatz:
„Damit es leichter nachzuvollziehen ist”.
Und weiter:
„Die Frage ist doch, wer die Hoheit des Erzählens hat.”
– FORTSETZUNG FOLGT. eioeu

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4 Kommentare zu “„Jedenfalls erzähle ich Ihnen das so”. Antje Rávic Strubel, Tupolew 134 (3/5)

  1. Kommt (kurz nach Mitternacht). Der Schluss folgt dann in der Nacht auf Dienstag. Danach werde ich auch noch eine weitere Kritik reinsetzen, zu Fremd Gehen, gleichfalls von der Dame Strubel, der ich hier in meinem Arbeitszimmer einen kleinen Altar errichtet habe. – Nein, das ist nur ein Spaß. Aber sie ist eine Schriftstellerin, deren Bücher zu lesen lohnen, das wollte ich meinen zehn aktiven Followern zu bedenken geben (die sie zum Teil aber sowieso schon kennen).
    Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag! – Hier tollstes Novemberwetter.

  2. Deswegen schreite ich langsam voran, weil es doch viel Text ist.
    Diese pingelige Kritik von eioeu a/k/a mnlfrl bestätigt doch schön das kulturpessimistische Urteil, wonach das Internet, speziell die ins Internet abgewanderte Literaturkritik, generell eine Verkürzung und Verflachung mit sich bringt und nur die gedruckte Zeitungskritik, wo die Rezensenten die erste Seite lesen und sich das Autorenfoto betrachten, Garant für die Literaturkritik ist, wie sie einmal gang und gäbe war. Ach, diese Zeiten kommen nie zurück! Das Nachdenken über Literatur gibt es nicht mehr! Alles ist schlecht und fade geworden.
    (Hihi.)
    Oh, ein Editionsbericht würde vermerken: „Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.” Aber jetzt ist es raus: die 4 war eine 3. – Gern geschehen. Ich sag nur: Aszendent Jungfrau.

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