„Da geht’s gleich richtig in den Schacht”. Antje Rávic Strubel, Tupolew 134 (2/5)

[Fortsetzung der Kritik; deren ersten Teil können Sie, wenn Sie Lust dazu haben, hier lesen. Achtung:
Es folgen noch drei weitere Teile, denn es ist ein kompliziertes Buch.]

Tricky Way

Aus dieser Kritik an der anmaßenden, allzu selbstsicheren Schreibhaltung des „So war es” zieht Strubels Roman die Konsequenzen. Er tut es auf eine Weise, die inhaltlich der Kompliziertheit der zugrunde gelegten Entführungsgeschichte und formal den Errungenschaften modernen Erzählens Rechnung trägt: „War es so?” – Forsches Drauflosfabulieren wird von Strubel verschmäht. Gewiss, auch Tupolew 134 entwickelt Tempo, arbeitet mit suspense (und nicht zu knapp), doch die Fragezeichen folgen auf dem Fuß. Strubel wählt also den schwierigen Weg und inszeniert eine raffinierte konstruktivistische Schnitzeljagd von labyrinthischer Vertracktheit, die den Leser immer tiefer in die Geschichte hineinbugsiert und ihm irgendwann erklärtermaßen den Rückweg abschneidet. Dem ausgebufften Procedere entspricht eine durchgehende subtile Krimispannung, die das Buch gleichsam unter Strom setzt. Die Wörter knistern, wie Pullover (nachts im Zimmer).

Wer Wo Was Wann

Vier Protagonisten stehen im Mittelpunkt des Romans: Katja Siems, Lutz Schaper, Hans Meerkopf und Verona, Katjas Freundin, mit der sie „ganz schön dicke Tinte” ist. Alle vier sind durch eingestandene oder uneingestandene Liebe aneinandergebunden, und das ist die Crux.

Verona hat als einzige keinen Nachnamen, sie ist der Joker des Quartetts.

„Verona ist eine Figur, von der noch unklar ist, wie sie eingesetzt wird”

heißt es gleich zu Beginn.
Ebenso wie die 24-jährige Katja und der ältere Lutz, gehört sie zur Belegschaft eines Automobilwerks im brandenburgischen Ludwigsfelde.

Hans dagegen kommt von außen, aus Dortmund; er arbeitet für eine westdeutsche Zuliefererfirma und soll den sachgemäßen Einbau von Fahrzeugteilen beaufsichtigen. Er hat eine Affäre mit Katja; die erotische Spannung, die es anfangs zwischen ihnen gibt, scheint jedoch nicht von langer Dauer. – Auch die Freundschaft von Katja und Verona (die keine Affäre miteinander haben) ist erotisch getönt.

Eines Tages setzt Katja Lutz einen Floh ins Ohr. Sie sagt ihm:

„Ich lebe nicht mehr gern so.”

Ein Fluchtplan wird ausgeheckt. In Danzig – im Buch stets Gdansk geheißen – soll Hans den beiden gefälschte Papiere für die Ausreise zustecken, aber Meerkopf kommt nicht, man hat ihn aus dem Paris-Leningrad-Express heraus verhaftet. Vielleicht ist ihm die Stasi selbst auf die Schliche gekommen, vielleicht hat ihn jemand verraten. Der Roman bleibt die Antwort darauf schuldig, und die Spekulation darüber, wer es – wenn – gewesen sein könnte, treibt den Leser noch dann um, wenn er das Buch längst aushat. Sollte am Ende Antje Rávic Strubel selbst ‚Verrat‘ an Katja und Lutz geübt haben, um die Geschichte so erzählen zu können, wie sie es wollte?

Meerkopf ist also aus dem Rennen, da ist es „günstig”, dass ein Bauchladenverkäufer „zu Hilfe” kommt. Katja und Lutz kaufen eine Spielzeugpistole. Die brauchen sie.

„Da geht’s gleich richtig in den Schacht”

Schlägt man das Buch auf, sieht man gleich, dass Strubel ihre Geschichte nicht geradewegs von A nach B erzählt. Es gibt auch keine numerierten Teile, keine Kapitel-Gliederung. Vielmehr steht der Leser vor einem sorgfältig arrangierten ‚Scherbenhaufen‘. In Fettungen stechen immer wieder die präpositionalen Bestimmungen „unten”, „ganz unten” und „oben” hervor und bieten erste Orientierung.
Dem Klappentext war bereits zu entnehmen, dass sich der Roman „dreier Zeitebenen” bedient, nämlich

„der Vorgeschichte der Flucht, der folgenden Gerichtsverhandlung auf dem Flughafen Tempelhof und der Erinnerungsarbeit 25 Jahre danach”.

Dies verführt dazu, die mit „ganz unten” überschriebenen Passagen (32 an der Zahl) mit der Vorgeschichte in Verbindung zu setzen, „unten” (42) mit der Flucht, Entführung und Verhandlung, „oben” schließlich (51) mit Ort und Zeit der Recherche.
Sind diese den einzelnen Erzählabschnitten jeweils vorangestellten Wegweiser aber tatsächlich die deutlichen Marker, als die sie sich präsentieren?
Ein Satz wie:

„Katja wird gewußt haben, daß es zu spät war”,

der dem „ganz unten”-Erzählstrang zugeordnet ist, gehört ja, so gesagt, nach „oben”.
Denn die Zweifel werden immer von der Erzählerin aufgebracht, die 2003 nicht wissen kann, was 1978 war. Demnach scheinen Form und Handlung nicht so glatt synchronisiert zu sein, wie man denkt. – FORTSETZUNG FOLGT. eioeu

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