Gewöhnliche Baustellenkaputtheit

Der Bagger hackt in den Boden, kippt, kippelt die Schaufel, rüttelt den Sand durch den Rost, dreht steif seitwärts, wirft Steinbrocken ab. Der Motor malocht, aber die Ketten stehen.
Hinter dem Schuttberg die angenagten Mauern, abgeplatzter Putz, weiß, ocker, lindgrün, blassgelb, die Farben in einem fort angeraunzt von Kälte und Nässe, so sehen sie aus. Eine 12 ist deutlich zu lesen und ein paarmal, neonfarben: STOP. Wandlöcher, Fensterlöcher, Türlöcher unter dichtem Himmel. Das karge Kra-kra der Nebelkrähen und der schmutzige Rauch, der da hinten schon aufsteigt, ergeben ein schlüssiges Bild und ein einsilbiges Wort. Manchmal landet eine Krähe auf der rauhgrünen Zunge der Straßenlaterne dort unterm Fenster und lässt sie stärker erzittern. Unbehaglich sieht das aus, kalt, doch gerade richtig für diese ernsten, befrackten Vögel, nach denen ich mich immer umdrehe, als gäb’s da was zu lernen, als wäre es wirklich möglich: sich etwas abgucken, Krähenkonzentration, Krähenfokussierung. Kommt kein Sterbenswort von dieser Zunge, nur abends, nachts, schweigt sie ihr Licht, da sitzen die Arbeiter längst in ihren Containern und essen Fritten und zischen ein Bier und suchen mit dem nackten Fuß nach dem verlorenen Pantoffel.

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12 Kommentare zu “Gewöhnliche Baustellenkaputtheit

  1. Solltest Du aber. Danach heißt es vom erröteten Frederick: „Ich weiß es, ihr lieben Mäusegesichter.”
    Kurzum, Deine nitty-gritty Prosa beeindruckt mich und macht mir Freude beim Lesen, Hören, Sehen, Riechen …

  2. Unter Krähenkundlern: Heute morgen, während ich mir umständlich Kaffee kochte, fiel eine tote Schermaus vom Himmel und schlug auf dem Dachschrägenfenster direkt über meiner Kaffeenische auf (es mag auch sein, dass die Schermaus bis zu jenem Aufprall eine noch lebende war, in diesem Punkt lässt sich nachträglich keine Klarheit herstellen). Wenig später, Kaffee trinkend und Maus betrachtend (sie lag regungslos im milchig blauen Himmelsquadrat, was wie eine Freeze-Aufnahme ihres Fluges anzuschauen war), spielte ich gedanklich Taktiken zur Mausbeseitigung durch. Das Fenster zu öffnen würde die Mausleiche über die gekippte Ebene schliddern und schließlich auf Herd- oder Arbeitsplatte, in Obstkorb oder Kaffeetasse niedergehen lassen. Auf Starkregen zu warten hieße, noch vor dem Frühstück einer Fragenlawine meines bald aufwachenden Kindes standhalten zu müssen (nicht schlimm für mich), oder, da die Wetterlage undeutlich war, womöglich sogar die Zersetzung einsetzen zu sehen (schlimm fürs Kind). Ich entschied mich, das Fenster zeitlupenlangsam einen kleinen Spalt breit zu öffnen, um es dann mit Wucht zuzuschmeißen, sodass die Katapultwirkung die Maus bis über den Dachrand hinaus und in den Innenhof befördern würde. Das funktionierte. Unten, bemerkte ich da, wartete bereits die Totengräberin, vielmehr Totenvertilgerin, auf den Mausekörper und hüppte unruhig auf ihren schwarzen Füßen umher, den Kopf schräggelegt. Vielleicht war es die Selbe, die zuvor versucht hatte, einer Gabelweihe oder einer Artgenossin die Mausbeute abzujagen, wodurch diese beim Balgen verloren gegangen war. Vielleicht war es auch eine Andere, die sich als (rau-h)krächzende Dritte über den Verlust der Streitvögel hermachen wollte. Wie auch immer, am Ende kam ich mir zunächst wie eine Krähenversteherin vor, dann aber beschlich mich der leicht unbehagliche Verdacht, ich sei hier lediglich Versuchsmensch in einer Beobachtung durch Krähen gewesen.

  3. Das ist ja eine tolle Geschichte! Ich habe mitgefiebert. Ganz klar, die Krähe hat Dich instrumentalisiert! – sehr schlau von ihr, auf Deine Findigkeit zu rechnen. Sie hatte gold Recht.
    Ich danke auch schön für die restituierte Buchstabengranne namens h und für das für mich neue Wort und Tier: Schermaus. Dachte: hannöverscher Slang für Fledermaus. Ganz falsch!

  4. Die Fledermaus kennt man hier als Speckmuus. Die Ostschermaus, vulgo: Wühlmaus, lebt an Feldgräben und Flüsschen und wird als Agrar- und Gartenschädling humorlos bekämpft – im Krieg und in der Gartenpflege ist alles erlaubt.

  5. Ja, das ist traurig, wie’s den Tierchen an den Kragen geht. Die Wühlmaus wird gejagt, die Lerchen werden getötet, Hasenjunge untergepflügt … Ich bin für Subsistenzlandwirtschaft! Die ist schonender für Mensch und Tier. – Soviel ich weiß, machen sich Agrarwissenschaftler durchaus Gedanken über den Erhalt der Artenvielfalt, aber den Rahmen, in dem dies geschieht, gibt die auf Habgier abgestellte Politik der Europäischen Union vor. Die Klein- und Hobbygärtner könnten es anders machen, z. B. Lebendfallen aufstellen und die gefangenen Mäuse im Wald aussetzen. Aber da müssten sie auch wirklich regelmäßig die Fallen überprüfen (und nicht sich erst nach Wochen wieder daran erinnern).

  6. Gäb es für mich etwas zu holen, würde ich nicht Wochen darauf warten. Gut für mich, dass hier bis jetzt nur ein paar Tage verflossen sind.

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