Patrick Modiano, Unfall in der Nacht

Accident nocturne lautet der Originaltitel von Modianos kleinem Roman aus dem Jahr 2003, der jetzt auf Deutsch bei Hanser herausgekommen ist, schön gesetzt und mit einer Aufnahme des Pariser Photographen Willy Ronis versehen, das eine Frau zeigt, die über eine Pfütze hinweg, in der sich ein Obelisk spiegelt, den Fuß auf den Bordstein setzt – vermutlich ein Bild von der Place de la Concorde.

Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der sich an einen Unfall zurückerinnert, den er vierzig Jahre zuvor erlitten hat, Anfang/Mitte der 60er Jahre. Ein „wassergrüner Fiat” hatte ihn, den gerade 20-jährigen, angefahren, die Unfallfahrerin und er waren gemeinsam in ein Krankenhaus verbracht worden, dann hatten sich ihre Wege wieder getrennt. In Rückblenden beschwört der Ich-Erzähler diese ferne Zeit, in der er einigermaßen planlos durchs Leben irrte, streift dabei immer wieder auch seine von zahllosen Umzügen geprägte Kindheit, die ihn zu einem Entwurzelten gemacht haben, der sich nach nichts mehr sehnt als nach einer „Landschaft”.

In einer genauen, viele Einzelheiten herauspräparierenden Sprache beschreibt Unfall in der Nacht kuriose oder gewöhnliche Begebenheiten vor der Kulisse eines etwas meschugge wirkenden Paris, die man sich gut als verlorengegangene Episoden aus dem Leben des Antoine Doinel vorstellen kann. Truffaut hat diesen Film nicht gedreht, aber auch so treten einem Modianos Figuren plastisch vor Augen: der junge Held in Lammfelljacke und Mokassins, der sich in einen Philosophiezirkel einschleicht, weil er sich in ein Mädchen verguckt hat und nun wie ein Ethnograph, mit einer Mischung aus Distanz und Neugier, den seltsamen Dozenten Doktor Bouvière beäugt, ohne den diese angenehme Nähe zu Hélène Navachine nicht zu haben ist: „Im Neonlicht war sein Gesicht von Schweiß überzogen und von einer Art grauem Fett, das ich oft bei Männern bemerkt habe, die von Frauen gequält werden.” Modiano widmet diesem Guru und seinen Jüngern ein paar glänzende Seiten, und wenn er den Erzähler sagen lässt: „Ich war nicht empfänglich für die Wörter, die er gebrauchte. Ich fand, dass sie keinen Nachhall hatten und auch kein Nachleuchten”, dann gilt dies sicher nicht für Unfall in der Nacht.

Die Frauen des Buches wirken vergleichsweise ätherisch – jedenfalls die, zu denen sich der Held hingezogen fühlt (im Hintergrund wuseln auch Wirtinnen, Kellnerinnen, Conciergen) -, aber dies ist kein unfreiwilliges Ergebnis sprachlicher Vagheit, sondern gehört mit zum Bild, das der Erzähler von jener Epoche entwirft, in der das Leben etwas Somnambules, Überreales an sich gehabt zu haben scheint: „Die Häuserfassaden, die Bäume, das Flimmern der Straßenlaternen bekamen eine Tiefgründigkeit, die ich nie an ihnen gekannt hatte”. Auf allem scheint ein ‚Traumbelag‘ zu liegen. Dazu passt dann auch sehr gut der etwas schläfrige, übernächtig-klare, zwischen Melancholie und plötzlich aufbrechender Heiterkeit changierende Ton des Buchs. Modianos Figuren wollen immer die Augen zufallen, aber immer leuchtet ihnen die Welt hinein mit ihrer Taschenlampe der Verheißungen.

Der Großvater des Rezensenten pflegte zu sagen: „Ein Buch, das es nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, ist es auch nicht wert, dass man es einmal liest.” – Truffaut hat den Film nicht gedreht. Nur das Buch ist da, ein schönes slow emotion picture, ein geglücktes Beispiel für das schwer zu machende Einfache, ein ‚Zweimal-Buch‘ auf jeden Fall. – Graham Bookish

(Wiederveröffentlichung eines Beitrags im Blog Monnier Beach, 2010.)

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4 Kommentare zu “Patrick Modiano, Unfall in der Nacht

  1. Ah, der gestrenge Großvater. – Ich kenne jede Menge Bücher, die ich gerne einmal gelesen habe und damit genug (Oondatje, Hoeg fallen mir beispielsweise ein). Die Bücher seiner Vorstellung breche ich vermutlich beim ersten Lesen schon ab. Welche, verrate ich nicht; denn erfahrungsgemäß gibt’s immer Leser, denen gerade diese lieb sind.

    „Modianos Figuren wollen immer die Augen zufallen, aber immer leuchtet ihnen die Welt hinein mit ihrer Taschenlampe der Verheißungen.” – stimmt mich versonnen.

  2. Ja, mit der Leseauswahl verfahre ich auch nicht so streng, wie soll man’s auch vorher wissen?
    Anders ist’s mit dem Bücherkaufen, da beschränke ich mich auf wenige Autoren und Themen.
    Das letzte gekaufte Buch war für meine kleine Bonnefoy-Sammlung, Berichte im Traum, ein nicht leicht zu lesendes Buch, aber für Sätze wie die vom Feuer, „das den Herd mit seinem leisen Bienengesumm rötet” – später kommt er noch mal darauf zurück: „nur ein kaum merkliches Brausen im Schweigen des Seins” – kann ich mich begeistern.

  3. „Ein Buch, das es nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, ist es auch nicht wert, dass man es einmal liest. Und genau deswegen ist kein Mensch so verrückt, es dann wirklich zum zweiten Mal zu lesen!”

  4. Aber es kommt doch immer mal wieder vor, das Zweimallesen von Büchern, ganz ohne Verrücktheit, aus Interesse am Buch. Zum Beispiel habe ich vor gar nicht so langer Zeit Die linkshändige Frau noch einmal gelesen (und es gefiel mir immer noch gut), oder, länger her, die drei Erzählungen Flauberts. Auch Gedichtbücher lese ich durchaus mehrmals, und einzelne Gedichte sowieso.

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