Das Land vom Meer aus gesehen

del giudice„Zwischen den beiden Weltkriegen spielte in der Drei-Kulturen-Stadt Triest ein Mann eine wichtige Rolle, dessen Wirken bis heute zum Mythos jener Literatur gehört: Roberto ‚Bobi‘ Bazlen, unermüdlicher Streiter für Svevo, Saba und Montale, nach dem Zweiten Weltkrieg einer der wichtigsten Fürsprecher auch der deutschen Literatur in Italien. Er war der begabteste, belesenste und geheimnisvollste Autor der Triestiner Bohème – und hat doch nie ein Buch geschrieben.

Daniele Del Giudices Roman beschreibt den Versuch eines jungen Mannes, dem Dichter, der nicht schrieb, auf die Spur zu kommen. Er fährt nach Triest, nach London und Wimbledon, wo er die letzten noch lebenden Freunde und Freundinnen trifft, eigenartige Menschen auch sie, die ihm von dem entscheidenden Einfluß erzählen, den ‚Bobi‘ auf ihr Leben gehabt hat.
Statt selber zu schreiben, hat er sie gefördert, ermuntert, fasziniert.
Aber je mehr der junge Mann über den Dichter erfährt, desto weniger scheint er an einer Enttarnung dieses geheimnisvollen Lebens interessiert.
An einem bestimmten Punkt seiner Reise entscheidet sich der junge Mann, seine ‚Suche‘ aufzuschreiben: So ist – als Ergebnis des Nachdenkens über einen Schriftsteller, der nicht schrieb – ein kleines Meisterwerk entstanden.” (Text: Hanser Verlag)

Eine Zeitlang habe ich dem Wagenbach Verlag mit dem Wunsch in den Ohren gelegen, endlich Lo stadio di Wimbledon, den Debütroman von Daniele Del Giudice, ins Deutsche übersetzen zu lassen. Schließlich kam der Bescheid, das Buch sei 1986 bei Hanser erschienen und dort noch lieferbar.

Del Giudices romanessayistischer Versuch, dem Rätsel Roberto Bazlen auf die Spur zu kommen (welcher in den 60er Jahren Co-Gründer der Adelphi Edizioni war, einem der besten Verlagshäuser Italiens), erschien 1983 bei Einaudi in Turin mit einem Geleitwort von Italo Calvino.
Del Giudices Erzähler-Rechercheur geht mit Taktgefühl vor, die Art, wie er seine betagten Gesprächspartner, die Gesprächssituationen auch, beschreibt, ist von großer Feinheit, respektvoll und genau – er nimmt die Welt gleichsam mit niedergeschlagenen oder zusammengekniffenen Augen in sich auf, fokussiert und verschleiert.
Ein beeindruckendes Buch.
(Von Roberto Bazlen selbst halte ich Der Kapitän vorrätig, Wieser Verlag, Klagenfurt 1993.) – Graham Bookish

Nachtrag 1.6.2015: Das Buch von Del Giudice ist nur noch antiquarisch erhältlich.

Rebloggt von Monnier Beach, 17.11.2010, dem gewesenen Blog meiner gewesenen Buchhandlung. Geringfügig gekürzt.

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13 Kommentare zu “Das Land vom Meer aus gesehen

  1. Oh, wird im Hause M. auch gerade Inventur schriftlicher Zeugnisse gemacht? Oder sehnt sich da einer einfach schon ein bisschen nach Italien?

  2. Beides, liebe S – wobei die Hälfte obigen schriftlichen Zeugnisses ja gar nicht von mir, sondern von Herrn Hanser stammt … In Sachen Italien seit heute größere Klarheit: Meine Cheffe lasst mick in Aprile gähen.

  3. Danke für den Hinweis … Ich nähere mich der italienischen Literatur so schrittweise an, Svevo, Montale schon ein Begriff, aber von Herrn Bazlen hatte ich noch nie gehört/gelesen. Das macht neugierig …

  4. Ja, eine romanhafte Persönlichkeit. Bazlen hat, so viel ich weiß, die Tage hauptsächlich im Bett zugebracht, und natürlich im Kaffeehaus.
    Die Erzählung Der Kapitän hat er auf Deutsch geschrieben, sie ist aber Fragment geblieben – doch was für ein funkelndes Fragment!
    Ein fesselnder Aspekt bei Bazlen ist, dass da jemand einerseits in einem fort geschrieben hat, aber sozusagen nichts (in verwerterischer Hinsicht) Taugliches. Also nur Gutachten für Verlage, Briefe, Notizen, Kritzeleien … Sein Schreiben bestand darin, sich zu verzetteln … und durch kritische Einwürfe beiläufig Karrieren anzustoßen bzw. Größenverhältnisse klarzumachen. Svevo galt ja als einer, der schlechtes Italienisch schrieb! – verglichen mit D’Annunzio und anderen Löwen.
    Bazlen hat gesehen, dass er ein Gigant ist. – Aber ist er nun Schriftsteller, Bobi Bazlen, oder nicht? Ich würde die Frage, die in seinem Fall zu einer ganz nebensächlichen, überflüssigen Frage wird, natürlich bejahen.

  5. Selbstverständlich wohlverdient! (Ich meine, dass alle Leute Anspruch auf Ferien haben, und sie sich diese auch nicht erst ‚verdienen‘ müssen sollten, klar.) – Zum „Korrekturstift”: Ich habe die ä-Striche in „lässt” gestrichen. Jetzt stimmt’s, oder?
    Für den Fall, dass Dir der epizentriker Angst macht: Ich glaube, er will nur spielen. (Bin mir aber nicht sicher.)

  6. Ach, Ängstlichkeit macht keinen Spaß. Ich beobachte gerade eher neugierig den Wandel zum Grobozentriker. Manchmal, wenn man etwas auf den Busch klopft, springen interessante Tierchen heraus. Tja, und Ferien: die sind in jedem Fall gegönnt – nicht, dass ich hier noch als Leistungstreiberin missverstanden werde 🙂

  7. Vielleicht nebensächlich, aber eigentlich doch nicht: Wenn man bedenkt, wer sich alles Schriftsteller nennt. Und wieviel angeblich Taugliches in Buchform veröffentlicht wird – in der Masse der Neuerscheinungen und der Schnelllebigkeit des Buchmarktes versinken diese brillianten Fragmente. Vor lauter ‚literarischen Wundern‘, die morgen schon wieder vergessen sind, geht der Blick auf die wahrhaft funkelnden Werke oft verloren. Man sieht den Wald vor Büchern nicht. Was ich eigentlich sagen will: Nicht jeder stellt sich der Schrift, der Bücher schreibt – da gibt es, auch in der Belletristik, zuviel Gebrauchs- und Routiniersautoren. Dagegen gibt es literarische Größen, die sich – so anscheinend Bazlen – verzetteln, aber wohl doch mit mehr Fug und Recht „Schriftsteller” genannt werden dürfen. Und dass er Svevo ‚erkannte‘, das spricht eindeutig für ihn!

  8. Ach guck, das finde ich gut, dass Du das Wort „Schriftsteller” im Sinne von „sich der Schrift stellen” deutest. Auf diese Idee bin ich ja gar nicht gekommen!
    Sehr schlau.
    Sicher hast Du Recht, dass viel Schrott erscheint – das hat meines Erachtens aber nicht unbedingt etwas mit Gebrauchs-/Routiniersautor zu tun, die ich hiermit also in Schutz nehmen möchte … doch das ist ja keine neue Entwicklung, und warum sollst Du Dich darum (be)kümmern? Schriftsteller ist kein geschützter Beruf, und der Betrieb braucht ständig neue Nasen. Außerdem, es gibt so viele Geschmäcker … sowieso möchte ich keinem was schlecht reden. Was immer einer liest: er gehört zur Minderheit der Lesenden. Für mich selbst kann ich die Auswahl ja so streng halten wie ich will.
    Ich find’s jedenfalls prima, dass so viele Bücher im Umlauf sind, und auch in verschiedenen Formen. Das japanische Buch z. B., das ich zuletzt gelesen habe, Aufzeichnungen aus meiner Hütte, ist als Objekt vergriffen – aber es gibt es erstens sicher noch antiquarisch, und zweitens hat der Insel Verlag es als Datei neu ediert. Faszinierender Gedanke, einen Text aus dem Jahr 1212 auf dem E-Reader zu lesen …
    Also, ich würde beinahe sagen: Es gibt heute genau so viele ausgezeichnete Bücher wie zu einer beliebigen anderen Zeit. Kann sein, dass die Zahl der nicht so tollen Bücher (die auch alle gedruckt werden) im Vergleich extrem gestiegen ist, aber da muss eben ein jeder den für ihn passenden kritischen Blick aufsetzen, dann gibt’s kein Problem.

  9. Meine Auftraggeberin hat auch ein paar Mal gesagt, dass sie keine „Sklaventreiberin” sei, aber das ist doch schon verdächtig! – Des epizentrikers Wandel zum Grobozentriker beobachte ich auch. Ich argwöhne, dass er den Laden dicht machen will, aber wer weiß.

  10. Das Buch klingt äußerst reizvoll – auch dank des Schmackhaftmachens via Rezension – und Bazlen und auch Del Giudice waren mir völlig unbekannt. Von Claudio Magris hatte ich mit Interesse Triest gelesen, wobei mein Horizont aber dermaßen vernebelt ist, dass ich dort Bazlen wohlmöglich begegnete, aber es mir nicht bewußt wurde.

    Schreiben um zu bleiben oder Schreiben, um anderen zu helfen, und dabei selber in Vergessenheit geraten – das ist nicht zwangsläufig so, wie dieser Fall zeigt.

    Gut, dass Du in Archiven gräbst. Danke hierfür.

  11. Rezension ist schon zu viel gesagt, zu viel der Ehre. Es ist nur ein Hinweis, im Sinne von: könnte man mal lesen, es lohnt sich. Jedenfalls ist es ein Buch, das sich mir eingeprägt hat, und das ich wohl auch noch einmal wiederlesen werde. Vielleicht fahre ich auch eines Tages nach Triest, setze mich bei Regen ins Kaffeehaus, lese Zeitung und esse eine österreichische Mehlspeise.
    In Archiven graben … Ich tu’s in Maßen, nicht alles muss ausgegraben werden. Besser gefällt’s mir sowieso, Archive zu schaffen!

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