Montag

Zwei Stunden vor Ladenschluss kam mit leisem Gesumm eine SMS, ob ich Lust hätte, später ins Schwarze Café Kantstraße zu kommen. Dann erfuhr ich von W. – sie hatte gerade in Zeitlupe den Schlüssel umgedreht, als ahnte sie, was kommen würde -, dass sie das Kolloquium zu ihrer Vorlesung ausfallen ließ, und ich überredete sie, gemeinsam hinzugehen … und obwohl sie sich schon ein paar Schritte von ihrem Fahrrad entfernt hatte, war sie in gewisser Weise noch nah bei ihm, denn plötzlich führte sie es neben sich her an der Hand, neben mir und meinem Fahrrad. Sie kennen sich.

Wir schlichen uns in den Hörsaal, Byung-Chul Han extemporierte.
Ich hatte Freude, nach vielen Jahren wieder in einem Universitätsgebäude zu sein.
Müde, aufmerksam, verbissen, eifrig, gelangweilt die Studenten.
Byung-Chul Han gab zu bedenken, dass zur Demokratie auch Gerechtigkeit gehöre. Guter Punkt.
Anders gesagt: Es gibt keine Demokratie.
Gegen halb zehn winkte der Philosoph ab, der während seines Vortrags öfters ein verzweifeltes Lachen hören ließ – jedenfalls, für mich klang es so.

Eine Freundin W.s gesellte sich zu uns, sie war vor einiger Zeit aus Madrid nach Berlin gekommen.
Ich verstehe es, dass jemand aus wirtschaftlichen Gründen sein Land verlässt. Ich bezweifele allerdings, dass es genügt, sein Land zu verlassen.

Im Innenhof des Museums in K. steht ein Butterrad aus dem 19. Jahrhundert, eine Art Hamsterrad,
aber größer, aus Holz. Es wurde von einem Hund angetrieben – dem Butterhund -, der da immer im Kreis lief. Ich dachte, dass wir heute alle Butterhunde sind, denen die Zunge bis zu den Pfoten hängt. Irgendwo ist die Butter, die kriegt keiner zu Gesicht.
Schulz sagt, in Europa gebe es keine Kinderarbeit. Ja, in Europa nicht. Aber anderswo, für Europa.

Draußen über den Rasen der UdK huschte ein Mäuschen, eine Spitzmaus.

Schließlich landeten wir doch im Schwarzen Café. Es gab Schwarzwälder Bier, hab schon vergessen. Bügelverschluss.
Essen: Bruschetta ich, W. Spargelsuppe, T. nix, aber ich sagte ihr, sie solle sich bedienen, zuletzt pickte sie zwei Häppchen, sie ließ sich Zeit.
Langsam isst, wer wenig isst.
Nach dem Bier hatte sie Lust zu rauchen.

Sie, mit Grandezza, bewegte schwenkend ihre Hände und sagte, nein, sie inhaliere immer tief. Aber eine Zigarette musste es sein! Gab’s aber nicht, und sie vergaß ihre Idee.

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2 Kommentare zu “Montag

  1. „Anders gesagt: Es gibt keine Demokratie.”
    „… öfters ein verzweifeltes Lachen hören ließ – jedenfalls, für mich klang es so.”
    „Ich bezweifele allerdings, dass es genügt, sein Land zu verlassen.”
    Und dann der ganze Butterhund-Abschnitt –
    „Aber eine Zigarette musste es sein!”

    Na, na, warum so bitter? Mag alles stimmen, aber es ist doch Mai! … Always look on the bright side of life …, um es mit Monty P. zu sagen.

  2. „Aber eine Zigarette musste es sein!” – Ich hatte T. gesagt, dass ich ihr einen Zigarillo anbieten könne, und mahnend hinzugefügt, dass sie den aber nur paffen dürfe. Doch das war ihr natürlich schon bekannt, denn sie hatte Zigarillos auf Lunge geraucht … Deswegen musste es an jenem Abend – wenn – eine Zigarette sein, mit der ich ihr aber eben nicht dienen konnte.

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