Sonic Youth, A Thousand Leaves

Graham Bookish hat seine lang angekündigte Besprechung von A Thousand Leaves im Kasten. Auf den Einwand der Lo-Fi Men, er habe ja gar nicht über alle Stücke geschrieben, hob er beschwichtigend seine Indianerhand und sagte, er sei kein Komplettist, und in einer Kritik gehe es nicht um Vollständigkeit und Nacherzählen, sondern um Anreißen, Neugierigmachen und Urteilen. Na gut. mottz

Nach ihrem Ausflug in den Rock ’n‘ Roll-Zirkus – die dem Massengeschmack vergleichsweise zugänglichen Alben Goo (1990) und Dirty (1992) hatten der Band einige Popularität eingetragen – hatten Sonic Youth auch schon wieder genug davon („rock stardom is puerile, tacky, and very outdated“, befand Thurston Moore resümierend – wobei „tacky“ – „showing poor taste or style“ – nicht leicht zu übersetzen ist; ich schlage „abgeschmackt“ vor), und mit den beiden folgenden Alben schlug die Band einen anderen, ihr gemäßen, Weg ein.
Drummer Steve Shelley stellte fest:

„It’s just our fate – Sonic Youth are the bridesmaids, never the bride.“

Mit A Thousand Leaves von 1998 sind Sonic Youth wieder ganz bei sich angekommen. Der Albumtitel ist eine Anspielung auf Walt Whitmans Leaves of Grass, andererseits auch die wörtliche Übersetzung von millefeuille, einem französischen Feingebäck (das übrigens auch in Italien bekannt ist, wo es sfogliatelle heißt).

Contre le sexisme eröffnet das Album. In Schönberg’schem Sprechgesang rezitiert Kim Gordon ein Gedicht, leicht neben der Spur, untermalt von schwarzem elektrischem Zischen und Rauschen, Knistern und Knacken. Gewittrige Entladungen, bordunartige E-Gitarren (in Skordatur), in der Mitte des Tracks der maschinell rasselnde Beat eines metallisch-hohltönenden Zombie-Schlagzeugs – ein stacheliger, harscher Beginn.

Geschmeidig hebt dann Sunday an. Thurston Moore singt über einem mittelschnellen, einfachen, gleichmäßig rockenden Gitarrenriff, während im Hintergrund die zweite Gitarre schöne bengalische Feuer entzündet. Im kontrolliert-entfesselten Mittelteil fliegen die Gitarren zu phantastischen Lärm-Wolken empor, kommen gut wieder zurück auf die Erde, und Moore nimmt seinen entspannten Gesang wieder auf. Das kompakte 5-Minuten-Stück schließt über leiser werdendem Gitarrenglimmen. (Harmony Korine hat ein Video dazu gedreht, mit Macauley Culkin und Rachel Miner.)

images.duckduckgo.comGroßartig Female Mechanic Now On Duty, im Tempo zurückgenommen, rauh, jaulend, grimmig. Kim Gordon, berichtet SY-Biograph David Browne, hat es als Erwiderung auf Meredith Brooks Hit „Bitch“ geschrieben. (Remember? „I’m a bitch, I’m a lover, I’m a child, I’m a mother …“.)
Interessant der absteigende dreigliedrige Aufbau: Auf den furiosen Hardrock-Beginn folgt ein vergleichsweise beruhigter, von wiederkehrenden Gitarrenschlägen und einem flackernden mittelhohen Gitarrenton getragener Abschnitt; der Schluss – beginnend mit den Worten: TOUCH THE FIRE IN THE RAIN AND / SEE THE CHILDREN / STOP THEIR PLAY AND/ LOOK FOR SHELTER – gelöst, satt, minimalistisch. Tolles Stück.

Wildflower Soul startet mit siebzehn Sekunden Kakophonie, dann gehen Gitarren, Bass und Schlagzeug, die eben noch in alle vier Himmelsrichtungen davonstürmen wollten, zurück auf Los, und nach einem Moment durcheinanderstolpernder Neuorientierung setzt ein lieblicher, friedvoller Gesang ein (SING YR CHILDREN / YR CHILDREN SONG / SING YR CHILD LOVE / LOVE IS ON / SEE THE CHILD EYES / EYES ARE OLD / AND OLD IS MAGIC GROWING), der nach einer Weile beschleunigt. Kim Gordon kommt als weitere Stimme hinzu, Schlagzeug und Gitarren spielen ein wildes übermütiges Spiel. Dann lichtet sich die Musik plötzlich. Sich wiederholende rhythmische und musikalische Muster bilden eine Art Wand und Tür zur nachfolgenden jam session. Eine kurze Reprise des Anfangs-Gezerres und -Gezisches und des melodiös-idyllischen Parts, wieder mit Moores Gesang, beendet das Stück.

Nach diesen etwas ausschweifenden 9:05 Minuten zurrt das anbetungswürdige, von Ranaldo gesungene Hoarfrost die Fäden wieder fester zusammen, die Gitarren spielen differenziert und schlichtweg schön, Shelley setzt Trommel-Akzente und bestreut das delikate Gefüge mit feinpudrigem High-Hat-Gezimbel.

French Tickler ist ein Stück in der Manier von Contre le sexisme, gesungener, flüssiger, aber keine leichte Kost, Snare, Girl pastoral, ein dissonantes Wiegenlied für Kinder von Eltern, die im Kunstbereich arbeiten.

Mit 11:05 Minuten ragt Hits of Sunshine (For Allen Ginsberg) heraus: eine ausgedehnte, wunderbar sich entspinnende Gitarren-Bass-Schlagzeug-Meditation, eine atmende Klangzone aus zarten Linien und feinen Punkten elektrifizierter Geräusche, friedlich und schön.
Allen Ginsberg, der Band freundschaftlich verbunden, war kurz vor Beginn der Aufnahmen zu A Thousand Leaves gestorben (wie übrigens auch William S. Burroughs, ein anderer Sonic Youth-Assoziierter).
[Die Stücke Karen Coltrane, The Enaffable Me und Heather Angel fehlen in Grahams Kritik, siehe oben.]

Die Produktion und Abmischung der Platte – mit einer Gesamtspielzeit von 72:04 Minuten ein echter Longplayer – soll nicht einfach gewesen sein, wie SY-Monograph Browne berichtet. Der Produzent, Wharton Tiers, taufte sie auf den Namen „A Thousand Edits“. Graham Bookish

Sonic Youth, A Thousand Leaves. Geffen Records, New York (N.Y.) 1998

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