Die schöne Milchfrau

Der Camembert (60% Fett i. Tr.), den ich bei Netto gewöhnlich kaufe, hieß im letzten Jahr „La belle laitière”, was ich mir als „Die schöne Meierin” übersetzte; die Verpackung zeigte eine junge Frau in den Farben der Trikolore. Seit diesem Jahr ist der Produktname versachlicht zu: „Weichkäse mit Weißschimmel”, auf einem Oval steht der Name „Jean Luc”.

Eine Lesung heute abend mit Roman Ehrlich und Olga Grjasnowa verließ ich in der Pause, nach Ehrlichs auszugsweisem Vortrag einer extrem konstruierten, mehrfach in sich gespiegelten Erzählung. Sie zeigte alle Symptome eines Realismus, erwies sich aber als zum Irrealismus gehörig. Schlau gemacht!
Mit einer Mischung aus Bedauern und Erleichterung fuhr ich nach Hause, nachdem ich eine Stunde in unbequemer Haltung eingeklemmt auf dem Fußboden gesessen hatte. Die Veranstalterinnen, Studentinnen im Studiengang Angewandte Literaturwissenschaft, hatten sich „geflasht” gezeigt vom Zuspruch des Publikums. Ihr Eifer und ihre seminarhafte Aufgeregtheit waren mir fremd.

Mit einem Menschen, dessen Stimme mir nicht gefällt, werde ich mich auch nicht verstehen.

Gestern habe ich wieder erfahren, und habe wieder darüber gestaunt: Man kann ganz fehlerhaft und bruchstückhaft sprechen – die Verständigung gelingt dennoch.
Ich war im Institut français gewesen, um Bücher zurückzubringen. Die Bibliothekarin las von ihrem Bildschirm ab, dass ich ein Buch noch entliehen hätte. Ich hatte seltsame Wortfindungsschwierigkeiten.
Sie war sehr fix darin, die Lücken meiner Rede mit dem jeweils richtigen Ausdruck zu füllen.
„Monsieur, votre carte!”, rief sie mir hinterher, als ich mich schon zum Gehen gewandt hatte.
Danach fuhr ich zu W. und wir aßen zu Abend. Ich las einen Artikel in der taz über Mark Kennedy.
So viel Lüge ist in der Welt!
Ich hockte nieder, um mir die Schuhe zu binden.
„Ich knie vor dir”, sagte ich feststellend.

Neulich schrieb ich für meine ungefähr zweiwöchentlich stattfindende Französisch-Stunde einen Text über ein Interview, das Madeleine Chapsal einst mit Jean-Paul Sartre geführt hatte.
Was für das Deutsche gilt, gilt für das Französische erst recht: Ich schreibe nur widerwillig und brauche viel Anlauf, um anzufangen. Meine Hausarbeiten verfertige ich daher immer nachts oder am frühen Morgen.
Es ist schon lästig, schreiben.

In der Birkenstraße hat ein veganes Café aufgemacht. Es heißt „Geh Veg”.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Moabit veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Kommentare zu “Die schöne Milchfrau

  1. Die gemischten Gefühle bei der Literaturveranstaltung und die Beschreibung der Kommunikation mit Hindernissen sollten einen meinen machen, dass es so schlimm mit Deinem Schreiben nicht sein kann.*

    In einem schlauen Buch zum Arbeiten schreiben las ich mal, dass man nach den ersten mühsamen Schreibversuchen innehalten und sich fragen sollte: was will ich eigentlich sagen? – und das dann hinschreiben.

    *Will sagen: Du schaffst doch gut, zu beschreiben, wo es hakt und knubbelt.

    Schade, dass „La belle laitière” verschwunden ist. Das hatte doch was. Läßt mich an „La vache qui rit” denken. Wortspiele wie Café „Geh Veg” nerven mich, ehrlich gesagt.

  2. Ja, dafür habe ich auch nichts übrig. Sollen sie von mir aus schreiben „go vegan” oder „Vegane Schrippen und Häppchen”. Gesuchte Originalität zeugt von schlechtem Sprachstil. – Bei „knubbelt” fällt mir ein Ausspruch des Seniors ein: „Die Sonntage sind die Knubbels im Gewebe der Wochen.” Ich glaube, das hat er wirklich mal gesagt.

    Ob das so klappt mit der Frage: „Was will ich eigentlich sagen?” … Vielleicht ist es doch eher so, dass man kritisch auf das hinhorchen muss, was man geschrieben hat. Die Schrift streckt die Hand aus und führt den Schreibenden durch den Text. Die Voraussetzung ist aber dieselbe wie in dem Ratgeber, d. h. es muss erst mal was da stehen. Wenn kein Ausgangspunkt da ist, kann nichts losgehen.

  3. („Man kann ganz fehlerhaft und bruchstückhaft sprechen – die Verständigung gelingt dennoch.” – nur ein rasch vermerktes: ‚ja, kenn ich auch’ dazu. und mehr noch: einmal erklärte mir ein junger holländer so beredt die funktionsweise seiner windmühle, dass ich, die nicht holländisch spricht, mit der wohligen empfindung von dannen ging, alles wirk- und wahrlich verstanden zu haben.)

  4. ‚Schreiben‘ läuft in meiner Vorstellung noch aus dem Füller – real ist, wie hier zu sehen, ganz anders. Zu hören, die Finnen gäben die Schreibschrift auf, schmerzt … Gruessle T.

  5. Ich teile Deine Vorstellung, Sir Tobi. Die Französisch-Aufgaben schreibe ich auch wirklich mit dem Füller. Das Schreibgerät ist nicht unwichtig. Diese Blog-Sachen entstehen aber am Computer, allermeistens.
    Die Schreibschrift aufzugeben, ist ein Jammer. Nicht nur Tiere und Pflanzenarten sterben aus, auch Kulturtechniken. Was immer möglich ist: es selber anders machen.

  6. manchmal nehm ich den füller; just for fun, just because it feels so pleasable when wicked ink meets willing paper. hab die finnische entscheidung im radio gehört; und: dass die schülerInnen aber weiterhin druckschrift noch lernen. ha! hab mir ausgemalt, wie man dann irgendwann vielleicht in den kalligrafieshop geht, um für einen freund eine handgeschriebene geburtstagskarte zu ordern; einen glückwunsch in schreibschrift; und man setzt seinen fingerabdruck drunter oder ein personal icon …

  7. Gut möglich, dass es so kommt; fragt sich nur, wann. Und doch ist es eine vergleichsweise harmlose Entwicklung, die sich hier abzeichnet, die mich nicht weiter beunruhigt. Sicherlich würde es auch weiterhin Menschen geben, die Schreibschrift beherrschen. (Ich hoffe, die Tinte geht unterdessen nicht aus.)

  8. Mein Mitbewohner P. erinnerte daran, dass Theodore Twombly, der Held des – in einer nahen Zukunft spielenden – Films her von Spike Jonze, den Du vielleicht gesehen hast, sein Geld damit verdient, dass er in anderer Leute Auftrag Liebesbriefe schreibt. Dies Detail hatte ich schon vergessen. Nun, ich schreibe meine Liebesbriefe noch selbst, der letzte liegt allerdings fünf Jahre zurück und wurde längst von der allesfressenden Wolke des Nichts verschluckt, die mich selbst eines Tages auch noch pulverisieren und immaterialisieren wird. Dann fliegt dieser Blog vielleicht noch als unentzifferbarer Datenhaufen im Orbit des worldwide web … aber wahrscheinlich nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s