Robert Casadesus

Ich wollte historische Aufnahmen mit Robert Casadesus hören, legte mich aufs Bett und klappte eine Ecke der Bettdecke über meine nackten Füße, zur Gemütlichkeit. Vor allem interessierte mich Ravels Klavierkonzert für die linke Hand, das in einer Einspielung aus dem Jahr 1952 angekündigt wurde, als Ravel, mit dem Casadesus seit 1922 bekannt gewesen war, schon fünfzehn Jahre unter der Grasnarbe lag (immerhin ersparte es ihm, den Zweiten Weltkrieg miterleben zu müssen). Doch zuerst wurde das vierte Klavierkonzert von Camille Saint-Saëns gespielt. Es gefiel mir gut, ich dachte an sein Cellokonzert, das ich auch mal wieder hören könnte, aber dann schlief ich für zwei Stunden ein und verpasste Ravel.
Vor einer Weile hatte ich mir eine CD-Box mit Aufnahmen aller seiner Werke angeschafft, so auch des für den einarmigen Paul Wittgenstein komponierten Klavierkonzerts in D-Dur – Paul Wittgenstein, über dessen Neffen Paul Wittgenstein 1982 Thomas Bernhard sein berühmtes Freundschaftsbuch schrieb.
Es beginnt (meine ich mich zu erinnern) mit der Szene, da sich lachend die Ärzte über ihn, Bernhard, beugen, um Späße über sein „Mondgesicht” zu machen, das sich infolge einer Cortisonbehandlung entwickelt hatte.
Der Wikipedia-Artikel über Paul Wittgenstein, den Pianisten, hält die schöne Anekdote parat:
„Vor der Uraufführung kam es zum Eklat, da Wittgenstein den Notentext teils gravierend verändert hatte und Ravel diese Eingriffe ausdrücklich missbilligte. Im Briefwechsel zwischen beiden Künstlern versuchte Wittgenstein sich dahingehend zu verteidigen, dass Interpreten doch keine Sklaven der Komponisten sein dürften. Mit Ravels knapper Reaktion: ‚Interpreten sind Sklaven’ war jedoch der Bruch endgültig vollzogen.”

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2 Kommentare zu “Robert Casadesus

  1. Faszinierende Anekdote. Da ich zur Zeit ja über ähnliche Dinge nachdenke, kann ich nur sagen: Diese Haltung, geniale Komponisten hielten sich virtuose Zirkusäffchen als sklavische Ausführer ihrer Werke, ist auch ein Grund, warum sich das Produktionsmodell der klassischen Musik heutigentags überlebt hat.

  2. Ah, zu diesem Thema äußere ich mich besser auf „Sichten und Ordnen”, wo Du und metepsilonema schon so viele Argumente ausgetauscht habt.
    Ich bin mir gar nicht sicher, ob sich das „Produktionsmodell der klassischen Musik” überlebt hat
    (wobei ich vermute, dass Du unter „Klassische Musik” im großen und ganzen die Musik bis einschließlich Brahms verstehst, aber nicht mehr die Musik der Zweiten Wiener Schule oder gar der Darmstädter Avantgarde?). Was machst Du denn mit Strawinsky oder Bartók, oder Ligeti? Das sind traditionsbewusste Komponisten, die sich bewusst in einer Linie sehen, die man bei Bach ansetzen könnte – Schönberg, Berg und Webern auch (ganz zu schweigen von Leuten wie Schostakowitsch oder Britten). Das ist nicht so einfach … Es werden immer noch Streichquartette, Klaviertrios und Instrumentalkonzerte, ja sogar – so absurd es ist – Opern komponiert. Alle, die diese Formen wählen, stehen in der Tradition des von Dir totgeglaubten Produktionsmodells. Und auch die, die etwas ganz Neues machen, tun dies vor der Folie des Alten, so sehr es sie auch ärgern mag; wie sonst ließe sich die Neuheit denn erkennen?
    Ich stehe übrigens auf der Seite Ravels, der, nebenbei, den ausführenden Musikern (so heißen sie nicht umsonst!) sicherlich mehr Spielraum gelassen hat als z. B. Cage mit seinen diktatorischen „time brackets”, zeitlich genau determinierten Modulen, innerhalb derer die mit Stoppuhr ausgestatteten Musiker frei sind, Klänge zu produzieren, Stille zu halten oder szenische Aktionen zu vollführen. –
    Trotz gegenteiliger Beteuerungen scheint mir Cage der Kontrollfreak schlechthin zu sein. Ein Käfig eben (mit befreiender Wirkung). Auch hier ist Tucholskys Wort von „Liebigs Suppenextrakt” ganz passend: ungenießbar, aber es werden viele Suppen damit gekocht werden.
    Kurz, ich glaube, es gibt immer noch Interpretenpersönlichkeiten, die stark genug sind, das rein technische Niveau des „Zirkusäffchens” zu verlassen und Musik zu machen, sei sie alt oder neu.

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