Schwere

25 Briefumschläge kosten knapp zwei Euro, 500 Blatt Papier knapp drei Euro.
Eine der großen Sehnsüchte unserer Zeit: persönliche Post zu bekommen.
Ich unterbrach mich im Schreiben einer E-Mail, weil mir nach einer Dreiviertelseite der Gedanke kam, sie in einen Brief umzuwandeln.
Immer Briefmarken hier zu haben, Papier sowieso, und Couverts, das habe ich mir vorgenommen. Tinte ist da, blaue, eine Literflasche.
War ich Kirsch gegenüber zu streng? Nein, sicher nicht. Es ist immer deprimierend, Bücher zu lesen, die nicht inspirierend sind. Diese Bücher sind überflüssig, mag ihr Verfasser noch so berühmt sein, und sie tun nicht gut.
Leichtigkeit in der Kunst macht traurig – mich macht sie traurig, denn sie stimmt nicht mit der Empfindung meiner eigenen Schwere überein. Ich sehne mich nach Schwere, nach Substanz, nach Satz. Diese irremachenden Teilchen, dies Bespaßungsplankton!
Schön, dass ich’s geschafft habe, einen Brief zu schreiben, mit der Schreibhand, der zur Tipphand degenerierten!
Reduzieren und beschweren, das ist mein Programm.

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4 Kommentare zu “Schwere

  1. Noch schlimmer finde ich, wenn Schweres leicht in einen hinein läuft. Wenn einem ein Sack Melancholie in Form einer Tüte Bonbons überreicht wird, man das ganze Ding verschluckt, ohne recht zu wissen, wozu das gut sein soll – so wie in Zsuzsa Bánks Die hellen Tage, mit denen ich mich eben deprimiere. Wie schön dagegen die Gabe meines aktuellen Saisongötzen Doderer, der den Leser in einem schützenden Kokon aus kuriosen Bildern durch die schlimmsten Unfälle trägt und am Ende noch heiter entlässt – und „inspiriert“, wie du sagst.

  2. Ah ja, das ist natürlich auch übel. Aber gut gemacht dann von der Bánk, da scheint sich das Deprimieren zu lohnen. Wie steht’s denn mit dem Titel Die hellen Tage? Das ist doch wohl Ironie … so wie bei „Glückliche Tage”. Wobei ich sagen muss, ich finde das wirklich lustig, herzzerreißend lustig!
    In abgeschwächter Form können die schönen Worte zu Doderer vielleicht auch für Lewitscharoff gelten, deren Blumenberg ich gerade lese. Das ist gut gelaunt geschrieben, wartet aber auch mit hinterhältigen Schockmomenten auf. Ein guter Roman, zu dessen offensichtlichen literarischen Vorzügen der außerliterarische sich hinzugesellt, auf Bücher und Musik hinzuweisen und Lust auf Blumenbergs eigene Werke zu wecken.

  3. Der Unterschied ist nur, dass man es bei Lewitscharoff merkt und bei Doderer nicht – der richtet einem selbst die Selbstmörder so manierlich her, dass man glatt Gefallen an ihnen finden könnte.
    Die Lewitscharoff ist hinterhältig und würgt den Leser zwischendurch. Aber das hat was.

  4. Zu Doderer mache ich mir ein Zettelchen, ich komme darauf zurück.
    Lewitscharoff übertreibt es (in Blumenberg, Apostoloff habe ich noch nicht gelesen) mit den Toden, auch wenn sie ihren Erzähler behaupten lässt, so hätte es sich nun einmal zugetragen. Ich halte das für eine Finte. Was mir jedoch gefällt ist, dass bei ihr die Welt bei der Welt noch nicht zu Ende ist. Sie ist eine spekulative Autorin, das lobe ich, um so mehr, als sie auch das Erdenleben sprachlich hervorragend im Griff hat, von „Zartwald” bis „Flotzmaul”.
    Letzten Endes fand ich Blumenberg übrigens dann doch nicht so gut gelaunt, bzw. die gute Laune versauert ungefähr nach dem ersten Drittel.
    Es ist wirklich ein philosophisches Buch, pastos aufgetragene Schwärze, überglänzt und verneint von einer feinbrüchigen Lasur Gelöstheit.

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