„Wie Hasenbrot die Vergangenheit nun.” Sarah Kirsch, „Krähengeschwätz”

Krähengeschwätz (2010) ist nach Spreu (1991) und Das simple Leben (1994) das dritte Prosa-Tagebuch Sarah Kirschs, das ich gelesen habe. Es war ein zwiespältiger Genuss. Kirsch schreibt häufig, nicht immer, kindisch (manche sagen: salopp), sie albert herum, ihre orthographischen Marotten und Mätzchen können nerven. Es ist aber wohl immer ein ernster, unter innerer Anspannung stehender Mensch, der sich solcher Kinkerlitzchen als eines Ventils bedient: eine duldbare Manie also, lässlich. Dennoch hat es durchaus etwas Zwanghaftes, wie Kirsch „umb”, „Thier”, „bey” und „seyn” buchstabiert, vom „Compositeur”, „il Compositore” oder „Tonsetzer” schreibt, Brief zu „Briewer” und Nobelpreis zu „Nobeller” verballhornt. Wer weiß, ob sich nicht hinter all diesem Schabernack eine abgrundtiefe Trauer und herbe Verzweiflung verbergen, und es nicht eigentlich das ist, was mich fuchst, dieses schnoddrige Überspielen, dies Geträller und Zähnezusammenbeißen.

Das ist aber nur die eine Seite. Schön zu lesen nämlich, wie Kirsch das Leben auf dem Land beschreibt. Schafe, Igel, Esel, Hund und Katzen werden genau und liebevoll porträtiert, der Deich, Wiesen, Wolken, Sonne, Mond stehen unter scharfer, hütender Beobachtung der Autorin, die daraus hieb- und stichfeste Gedichte macht, von denen im Band ein paar enthalten sind („Luft und Wasser”, „Eisrosen”, „Eremitage”, „Verstohlen geht wieder der Mond auf”), man kann genau sehen, wie sie aus den Tagebuchaufzeichnungen entstehen.
Der Weizen wiegt die Spelzen auf.

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