Privatentnahme

Das Zusammenleben klappte nicht, und in dem Zimmer lebte jetzt jemand anders.

Die Buchhandlung war groß genug, aber wegen des Schaufensters eignete sich nur das Kabuff zum Schlafen. Es war durch schwere rote Samtvorhänge, die A. mir ausgeliehen hatte, vom Verkaufsraum separiert. Hin und wieder kam pfeifend G. in seinem lose über die Schultern geworfenen Mantel, um sich aufzuwärmen. Seine Hände waren kalt und trocken. Ich machte uns Kaffee. Wenn kein Gebäck da war, ging ich zu Ihr Platz und tippte zwei Euro aus.
Zwei Nachtspeicheröfen sorgten für laue Wärme. Oft saß ich neben der Ladentür, mit den Händen unter den Oberschenkeln. Wenn ich rauchte, zog der Qualm durch die Ritzen nach draußen. Die Kälte haftete klebrig an Klinke und Rahmen.

Das Kabuff war schmal und beengt. Ein Fenster zum Innenhof – die Mülltonnen standen da, daneben Fahrräder; Autos parkten auf dem Kies – gab den Blick auf die gegenüberliegende Fassade des Rheinischen Hofs frei, die Buchstaben waren als hellere Aussparung noch zu sehen. Damals betrieb dort Familie Lin ihr Chinarestaurant. Ein Foto aus der Eröffnungsphase zeigte sie mit dem Pastor, auf einem anderen war Dr. S. zu sehen, der Bürgermeister.

Vom Kabuff führte eine Tür zum Klo, in dem ich, auf ein Brett gestaucht, Verpackungsmaterial aufbewahrte. Gleich hinter der Tür standen ein großer Sack für Plastik und ein anderer großer Sack für Papier; ein – kleinerer – Müllsack war unter das winzige Waschbecken geknufft.
Der Hahn war in ca. dreißig Zentimeter Abstand vom Becken angebracht. Ein Stück Schlauch hinderte, dass das Wasser zu sehr spritzte. In die Bodenfliesen war ein Abflussgitter eingelassen. Durch den Luftabzug kam keine frische Luft herein, sondern nur die Abluft der Gastronomie und der ekelhaft faule Gestank organischer Abfälle.
Gleich hinter der Klozelle verlief ein Gang, der von den Personalräumen des Cafés N. zum Innenhof führte; die Zwischenwand war dünn und hellhörig. Wenn die Angestellten vorbeigingen, hielt ich den Atem an, bis die hallenden Schritte und die Stimmen – scherzend wegen des anbrechenden Feierabends – verebbt waren.
Über der Buchhandlung wohnte eine Familie, deren Leben sich in gedämpften Schallwellen durch die Decke zu mir herab senkte.

Ich hatte die Leuchte nach Ladenschluss nur selten ausgeschaltet, Fliegen sammelten sich darin als opake Krümel; auch den Vorhang zog ich nicht zu.
Jetzt aber, sobald sich draußen die Fußgänger und Radfahrer vereinzelten, verbarg ich den kleinen Raum vor Einblicken und ließ die Rolläden herab. Mit dem Licht konnte ich mich nicht entscheiden, mal brannte es die Nacht durch, mal schaltete ich es aus.

Nachts kam der Bücherwagendienst. Später, als er sich mit einem kleinen Brief – „… neuen beruflichen Herausforderungen … danke Ihnen für Ihr Vertrauen …” – von den Inhabern der von ihm angefahrenen Buchhandlungen verabschiedete, wurde der Fahrer als Ch*** namhaft. Beim Aufschließen rappelte Ch*** mit der Tür, sie war, wie auch das Schaufenster, einfach verglast, die Ausstattung stammte aus den 50er Jahren. Die blaue Wanne stellte er auf den Boden vor die Heizung, oder auf die Heizung selbst, manchmal gab er nur einen Brief herein oder ein Päckchen mit den zwei Büchern, die bestellt worden waren, oder einen Pappumschlag mit dem einen Buch, dem eine Sammelrechnung für die Lieferungen der letzten zehn Tage beilag. Es kam vor, dass ich ihm selbst die Tür öffnete, im Hintergrund leuchtete blässlich der Laptop, der weiße Transporter wartete in Schüttellähmung.
„Haben Sie kein Zuhause?”
Er wünschte mir im übrigen einen guten Tag, rutschte hinters Steuer, schlug knallend die Fahrertür zu.

Zum Schlafen legte ich mich auf eine Sofakombination, bestehend aus einem längeren geschwungenen Teil und einem beweglichen Hocker.
Spätestens wenn Ch*** aufschloss, wachte ich auf. Hinter meinem Vorhang spürte ich zuweilen seine Irritation. Einmal näherte er sich murmelnd meiner Schlafstätte. Sicher, ich hätte ihm längst sagen können: „Übrigens, wundern Sie sich nicht, wenn … Das ist, weil …” Aber ich sagte nichts.

„Nein, das lass‘ ich jetzt”, hörte ich ihn flüstern.

Hin und wieder stieg ich mitten in der Nacht auf und unternahm Spaziergänge in der schlafenden Stadt. Bevorzugtes Ziel meiner Wanderungen war die Weezer Straße, eine langgestreckte schnurgerade Wohnstraße, die ich stadtauswärts in Richtung B9 lief, bis dahin, wo eine riesenhafte Erdbeere auf einen Verkaufsstand hinwies. Dort machte ich kehrt. Wieder bei der Buchhandlung angelangt, sah ich nach, ob der Fahrer inzwischen da gewesen war. Wenn nicht, setzte ich mich wieder in Bewegung, umkreiste die Gnaden- und die Kerzenkapelle, sah mir Schaufenster an, deren Auslagen mich nicht interessierten, schubste mit dem Schuh gegen zusammengekehrtes Laub … Manchmal sah ich einen Igel oder eine Katze. Das waren die Höhepunkte.

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4 Kommentare zu “Privatentnahme

  1. Mann, dat waren Zeiten!

    Schwer – karg und kalt – hatten wir’s ja auch, aber wenigstens nicht allein.

    Immerhin ist das der Stoff, aus dem gute Literatur entsteht, und damit bist Du in zahlreicher und illustrer Gesellschaft. Möge das Glück Dir blühen!

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