Unregelmäßig

Ich dachte, wie ich an ***s Zehen gelutscht hatte, als ich mir meine Eisfinger in den Mund schob, erst die der linken, dann die der rechten Hand, dann wieder die linken und so weiter immer im Wechsel, der Frost hatte sich in sie verbissen mit nadelspitzen Katzenzähnen. So kam ich in Lüllingen an. „Dat is am trekken du!” sagte Helmut, der den Kopf so weit wie möglich eingezogen hatte. Wir stellten uns an eine Ecke, die besser vor Wind geschützt war. Es gefiel mir, wie die Schneeflocken mich an der Nase kitzelten.

Als ich mich von der niedrigen Rückbank hochgekämpft hatte und durch die beige Metalltür, die von einem kleinen schwarzen Bruchstück Hartplastik aufgehalten wurde, in die von vielen Hunderten von Neonröhren beleuchteten Hallen trat, sah ich auf dem schrundigen Betonboden einen kleinen beschrifteten rötlichen Zettel, der von den das Gelände weiträumig massierenden Kehrmaschinen nicht erfasst worden war. Die Buchstaben standen auf dem Kopf, aber ich konnte das Wort gut lesen: „unregelmäßig”.

Manche Anblicke hätten meinem alten Kunstlehrer Mirbach gefallen, zum Beispiel der Raum mit den Aufladegeräten, an dem ich immer vorbeikomme, kurz bevor ich in R einbiege: ungefähr zwei Dutzend Steckdosen, von denen schwarze Nabelschnüre herabführen, kleine kalte Kästen nährend, an denen rote Lämpchen leuchten. An manchen der Plätze stehen waidmannsgrüne Elektroschlepper mit erstorbenen Akkus; elektrisches Summen und Knistern verstärkt den Eindruck der Stille und Konzentration, mit der sie neu aufgeladen werden, und es scheint mir nicht überflüssig zu bemerken, dass die Elektroschlepper reglos da stehen, denn alles atmet eine Atmosphäre klinischer Lebendigkeit und religiöser Einkehr. So gehe ich auch immer schnell vorbei, um nicht zu stören, lasse die Brandschutzschiebetüren und den Heißgetränkeautomaten hinter mir, und auch den Süßigkeitenautomaten daneben, vor dem ich neulich, bevor die Arbeit anfing, eine Weile zaudernd stand, während es um mich her schon emsig schnurrte und rummste, meine Augen gingen hin und her zwischen der Mars- und der Snickers-Reihe, und ich dachte: „Wenn schon, denn schon” und entschied mich für Snickers. Siebzig Cent kostet so ein Riegel.

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8 Kommentare zu “Unregelmäßig

  1. Uiiii – fast wie Thomas Mann im Mittelabschnitt. Schöne Bilder sind das. Mir gefällt ganz besonders der Aufladeraum-Teil, und ich glaube, ich würde auch scheu und beinahe ehrfürchtig weiterhuschen, so, wie Du es ‚rüberbringst.

  2. und damit du ohne ‚Fratzebuch‘ auf dem Laufenden bleibst:
    NEON Unnützes Wissen:
    Männer werfen bei der offiziellen Weltmeisterschaft im Gummistiefelweitwurf mit Stiefeln der Größe 43, Frauen mit Größe 38.

  3. Nu bin ich aber beruhigt, auch dass du von den Zentren des Weltgeschehens wieder zum gemütlichen Niederrhein zurückgekehrt bist …

  4. Ich hatte ja schon länger mit Facebook gehadert, genauer gesagt mit meiner Mitgliedschaft dort; meine Abmeldung war da nur folgerichtig, und überfällig. Das Programm hat zweifellos seine positiven Seiten, aber letzten Endes habe ich es doch nicht gemocht und fühlte mich erleichtert, als ich draußen war.

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