radio satt #4: Lilian Peter

Folge #4 von radio satt ist der Schriftstellerin und Übersetzerin Lilian Peter gewidmet. Sie liest aus einem unbetitelten Romanmanuskript, dazu einige Gedichte: kluge, gedankentiefe, musikalische, sprachversessene, gewitzte und vertrackte Texte, entfernt theorieverwandt, nicht unironisch.

radio satt #4: Lilian Peter

Die Sendung, vielleicht nicht weiter schlimm, beginnt etwas hakend, was ich nachzusehen bitte, aber die Hauptsache ist sowieso die Lesung. Diese fängt an mit einem Romanauszug, in dem gespensterhaft Daniel Paul Schreber erscheint, Verfasser der Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Daran schließt sich eine kleine Unterhaltung über das Gehörte an, gefolgt von einer Vorrede zu den (sechs) Gedichten, die die Sendung beschließen. Die Gedichte können teilweise auf dem Blog von Lilian Peter nachgelesen werden: peterslilie.

Baustelle

Meine Nachfolgerin war Caroline, die ihren englischen Namen ihrer englischen Großmutter verdankte, sie war aber italienischer Abkunft. „Baustelle” sagte sie, als sie vom dritten Stock hinunter auf die in Konstruktion befindliche Shopping Mall sah, von der noch nicht viel zu erkennen war, Gott sei Dank. Bagger hoben eine Tiefgarage aus, und da standen so fette Teile, in denen, glaube ich, Beton bevorratet wurde, sie sahen aus wie etwas zusammengedrückte stählerne Sanduhren. Sie erklärte uns, wie merkwürdig das Wort in ihren Ohren klang, denn „bau bau” sei der italienische Ausdruck für bellen, und „stelle” seien Sterne. So verband sie mit „Baustelle” die Idee eines Hundes, der die Sterne anbellt. Aber habe ich das nicht schon erzählt? Na, was soll’s. Jetzt bin ich so alt, jetzt darf ich mich auch wiederholen. Sie rauchte selbstgedrehte Zigaretten und sah immer käsebleich aus, die Haut auch nicht so richtig glücklich. Sie war hundeverrückt und liebte das Chaos, oder sie hielt es aus. Ein Hund lief da auch immer rum, wenn ich vorbeikam, aber der war geheim. Sie verschlief die Tage (hat mir Paul erzählt) und wurde erst abends munter, dann ging sie auf Parties, und zwar, wenn ich richtig verstanden habe, ausnahmslos jeden Abend, vielleicht auch normal mit dreiundzwanzig. Mitten in der Nacht kam sie dann zurück, putzmunter, aufgekratzt, angeschickert, und machte Krach, die Nachbarn beschwerten sich. Es war sicher kein bösartiger Krach, vielleicht tanzte sie nur eine Runde oder sang mit Leidenschaft ein Lied. Sie machte die Nacht zum Tag und verhielt sich so, das ging gar nicht gegen irgendwen. Weiß nicht, ob Paul was davon mitkriegte. Der ging zwar auch nicht mit den Hühnern ins Bett, aber irgendwann brauchte er doch seinen Schlaf und stopfte sich dann die Ohren mit Ohropax zu. Sein Zimmer ging zur Straße, und gleich dahinter die Baustelle, um sieben Uhr fingen die an, wuff wuff, der Bagger renkte seine steifen Kiefer ein und dann Abriss. Nix Sterne, Caroline. Aber wie komme ich jetzt darauf.

Wir befinden uns im Frieden

„Mit dem Anschlag von Nizza sei unserer gesamten zivilen Gesellschaft der Krieg erklärt worden, sagte die französische Schriftstellerin Gila Lustiger. Darauf müsse die ganze Zivilgesellschaft jetzt auch reagieren. Kriegsrhetorik sei aber nicht die passende Antwort.” So schreibt die Onlineredaktion von Deutschlandradio am 15.7.2016, sie wird Gila Lustiger nicht die falschen Worte untergeschoben haben. In sich sind sie aber, meine ich, und namentlich der erste Satz, falsch. Sie sind nicht zuletzt verfrüht, denn außer dem Namen und Alter des Attentäters ist noch nicht viel im Zusammenhang mit den Geschehnissen von Donnerstag bekannt. Es war von keinem Bekennerschreiben die Rede, Daesh hat die Tat nicht für sich reklamiert, so dass es durchaus gerechtfertigt scheint, die Verantwortung bei diesem psychisch gestörten Einzelnen zu suchen, den weder religiöse noch politische Motive angestachelt haben, und dessen Antrieb allein in seinem Wahnsinn oder Narzissmus zu suchen ist, vielleicht. (Dem Vernehmen nach war die Uferpromenade nicht abgesperrt. Kein Polizeifahrzeug stand dem Lastwagen im Weg. Bei einem Besuch in Rom und Neapel sah ich Polizei und Militär auf den Straßen; sie zeigten Präsenz und demonstrierten Wehrhaftigkeit e basta.) Wenn aber Präsident Hollande nach seinem letzten Friseurbesuch (wahrscheinlich kommt der Friseur zu ihm in den Palast) das Verbrechen von Nizza dazu nutzt, um abermals einen [erg.] herbeizureden, dann sehe ich in diesen Äußerungen eine ähnliche Paranoia am Werk, wie wir Westler sie – zu Recht, würde ich sagen – Freund Erdogan unterstellen. Mir jedenfalls scheint es eine Tatsache zu sein, dass wir uns im Frieden befinden, mag dieser auch vielfach beschmutzt sein, beispielsweise durch Waffengeschäfte, aus denen z. B. Deutschland (deutsche Firmen) legendäre Verdienste zieht, auch Frankreich (französische Firmen). 2012 erhielt die Europäische Union den Friedensnobelpreis, der Teufel weiß warum. Es sollte unserem Verein eine Verpflichtung sein, eine Beilegung der globalen Unordnung im friedlichen Handeln zu suchen. Die eilige Verlängerung des Ausnahmezustands bei unseren westlichen Nachbarn (ein Schelm, der Böses dabei denkt) ist nur insofern im Sinne des Stifters Alfred Nobel, als dieser mit Dynamit zu Reichtum gekommen ist.

Fütterung

Im Aufsehen bemerkte ich eine schwarze Katze im rechten Ausschnitt der Gartentür, ein Kätzchen. Ich rief die Hausherrin, die sich gleich nach Futter umsah, aber es gab nichts. Da saß die Katze, wartend. Sie federte hoch, sprang auf ein marmornes Sims, streckte sich da aus. Der Hausherr wurde um Rat gefragt, der blieb in seinem Zimmer, brummte, ich verstand es nicht aber sah ein antwortendes Nicken und Treppenhochsteigen und Zurückkommen mit einem handtellergroßen Behältnis (ungefähr).
„Thunfisch mit Öl?” Das war die Frage – doch da wurde schon der Aludeckel aufgekrempelt, Zeit haben, Geduld haben, das ist ja nicht dasselbe, für eine Katze. Und da, kaum dass die Tür aufging, sprang sie herbei, lässig. Sie hockte sich ins Profil, blickte kurz auf und fing an zu fressen. Ein wie gähnendes Lecken der Lippen war alles, was vom Futter übrigblieb, und dann, die Katze: futschikato, in Luft aufgelöst. Es war wirklich sehr heiß, sie wird sich gedacht haben: verdünnisier ich mich eben, wenn der Tag die Wärme so dick ausrollt. Ich kann’s nur vermuten.