Robbie Lee & Mary Halvorson

Hier aus dem Duoalbum Seed Triangular der beiden (Wahl-)New Yorker Robbie Lee und Mary Halvorson – der eine Multiinstrumentalist mit Interesse an historischen Instrumenten, die andere Gitarrenvirtuosin und Komponistin – das Stück Seven of Strong. – Kurz zum Hintergrund: Robbie Lee hatte seine Kollegin, mit der er zuvor zwar schon musiziert, aber noch nicht aufgenommen hatte, ins Studio eingeladen. Der Clou dabei: Sie ‚durfte‘ nicht ihr eigenes Instrument spielen, sondern nur ihr unvertraute Saiten(zupf)instrumente aus Robbie Lees Fundus. Der seinerseits war für eine ganze Reihe Holzblasinstrumente zuständig, darunter Traversflöte, Chalumeau und Piccolosaxophon (Soprillo).
Diese Entschlossenheit, neue Pfade zu beschreiten, ist zu loben, zumal wenn es zu so hervorragenden Ergebnissen führt.

Das Titelstück ist auch sehr fein, siehe hier.

Wer mehr hören mag, kann sich dies tolle, knapp halbstündige Solokonzert zu Gemüte führen, in dem Mary Halvorson unter anderem Stücke von Ornette Coleman, Noël Akchoté und Annette Peacock spielt:

Links
New Amsterdam Records (Label)
Seed Triangular (Album)
Album Trailer
Mary Halvorson
Robbie Lee
George Grella (NYC Jazz Record)
Andy Hamilton (The Wire)
Thom Jurek (AllMusic)
Josef Woodard (Downbeat)

Continue as Meinolf

Über die Lesung von Robert Mattheis am 1.11. im POP brauche ich nicht zu berichten, das hat sein Schriftstellerkollege Andreas Wolf schon getan, in seinem Blog Wald und Höhle, siehe hier: Dichte Lesung.

Morgen feiert Hans Magnus Enzensberger seinen neunzigsten Geburtstag. Als einer, der – wenn auch nur einmal in der Woche – in einer Buchhandlung arbeitet, frage ich mich: Braucht Enzensberger Geld? Ist München-Schwabing teuer? Oder hat er einfach seine Schubladen aufgeräumt und hört nun gar nicht mehr damit auf? Jedenfalls, ich stelle fest, dass in den letzten beiden Jahren folgende Bücher von ihm erschienen sind (ohne Neuauflagen und Taschenbuchausgaben):
~ Überlebenskünstler – 99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert [16.4.2018]
~ Schreiben für ewige Anfänger [20.8.2018]
~ Eine Handvoll Anekdoten – auch Opus incertum [22.10.2018]
~ Eine Experten-Revue in 89 Nummern [13.5.2019]
~ Louisiana-Story [21.10.2019]
~ Fallobst – Nur ein Notizbuch [11.11.2019]
Kaum ein halbes Jahr max. liegt zwischen den einzelnen Publikationen.
Wenn ich nicht irre, war es Hans Erich Nossack, der den Begriff der Literarischen Prostitution prägte. Ich möchte ihn, ohne ihm im übrigen Böses zu wollen, heute auf den Jubilar anwenden. Herzlichen Glückwunsch!

Wenn ich vormittags auf der Arbeit die Programme öffne – neun Tabs sind das Minimum -, habe ich bei einem (Confluence) die Option, mich entweder sozusagen formell mit Email und Passwort anzumelden, oder die Abkürzung über einen verbundenen Dienst (Google) zu nehmen. Diese versteckt sich hinter der merkwürdigen, zu Fragen der Identität einladenden, Formel: Continue as Meinolf.

Das Internet ist schlafen gegangen

Vier Veranstaltungen aus dem Begleitprogramm des Jazzfests Berlin habe ich besucht.
1. Shirley Clarkes Dokumentarfilm über Ornette Coleman: Ich werde mehr erfahren, wenn ich mir irgendeine seiner Platten anhöre.
2. Die Diskussion über das utopische Potential des Jazz – auch nicht sehr ergiebig. Gut aber der einleitende Vortrag von Felix Klopotek, Musikredakteur der Kölner StadtRevue. Am besten in Erinnerung blieb mir seine erste Bemerkung. Er sprach da vom englischen Improvisationsmusiker Steve Beresford, der sich bei seinen Auftritten immer fest vornahm, ganz anders zu spielen als beim letzten Mal und der schließlich doch bei den gleichen Mustern landete. Dann der entgegengesetzte Entschluss: genau so zu spielen wie beim letzten Gig. Dieser Trick funktionierte, sein Spiel war ein anderes.
Der Pianist Joachim Kühn, inzwischen fünfundsiebzig, geriet ein bisschen ins Labern, kam vom Thema ab, vergaß das Mikrophon, da hörte ich lieber der Trompeterin Mette Rasmussen zu. Doch allein, dass ich kein einziges Wort der Gesprächsrunde wiederzugeben wüsste, sagt mir, dass es nicht viel zu merken gab. Wie auch immer – das Podium schien eingestandener- oder uneingestandenerweise darin übereinzustimmen, dass Jazz und improvisierte Musik das Leben auf Erden zum Besseren wenden können. Den Geist zu öffnen, war und ist das allen gemeinsame Ziel, und bei aller Skepsis und Ratlosigkeit, die ich aus den Wortbeiträgen heraushörte, schien mir hier doch die Frage nach der Utopie und politischen Wirksamkeit positiv beantwortet.
3. Diedrich Diederichsens Interview mit Anthony Braxton und James Fei: Braxton, Zentralgestalt des diesjährigen Jazzfests, Inspirator, Ideenmaschine, Universalneugieriger, ein jugendfrischer Mittsiebziger. Bilderstürmer Braxton sagt, er sei an der „affirmation of tradition” interessiert, nicht an der „rejection of tradition”. Seine Idee des Musikmachens: „a system of becoming, not a system of arrival”. Ein weiteres Schlagwort: „composite reality”, Improvisation das Mittel der Wahl.
Bei Braxton geht sie von komplizierten, teilweise graphisch notierten Kompositionen aus, von denen einige im Haus der Berliner Festspiele ausgestellt waren.
Doch keine Angst!: sagt er den Musikern: „When you made a mistake – great! When you didn’t make a mistake – why didn’t you make a mistake?”
4. Cairo Jazzman. The Groove of a megacity, großartiger Film des in Berlin lebenden Regisseurs Atef Ben-Bouzid über Amr Salah, den Organisator des Cairo Jazz Festivals. Wer Gelegenheit hat, diese Dokumentation zu sehen, soll das bitte tun.

Jaimie Branch Prayer for Amerikkka Pt. 1 & 2

Das Jazzfest Berlin hat begonnen. Anthony Braxton hat den Startschuss gegeben.
Die ein oder andere Veranstaltung, und sei es am Ende dann doch nur eine Filmvorführung, werde ich wohl besuchen. Unter der neuen Künstlerischen Leitung (seit 2018) durch Nadin Deventer hat das Festival an Profil gewonnen. Gratulation!
(Der gestrige Auftritt von Elias Stemeseder, Greg Cohen und Joey Baron im Koreanischen Teehaus DaBangg, Friedenau, hat mich auf den Geschmack gebracht, hin und wieder einmal vor die Tür zu gehen – nicht nur zum Arbeiten.)

Ich kenne einige Leute, die man mit Jazz jagen kann; mich kann man damit fangen.
Hier ein Stück der Komponistin, Trompeterin und Sängerin Jaimie Branch (Eigenschreibung: jaimie branch), die mit dem James Brandon Lewis UnRuly Quintet auftreten wird. Dem Titel nach zu urteilen, gehören für sie Trumps Amerika und der Ku Klux Klan zusammen: „a bunch of wide-eyed racists” – ein Haufen durchgeknallter Rassisten („wide-eyed” auch zu lesen als: „white”).

Wunsch nach Bilokation

Zwei Freundinnen haben mir unabhängig voneinander davon abgeraten, noch einmal die Jahrestage zu lesen. Die eine meinte, ich solle mich doch einmal auf Schriftstellerinnen besinnen. Die andere fand wenigstens den Zeitpunkt für eine Wiederlektüre nicht gut: das Lesen abzuschließen und dann sofort wieder aufzunehmen, sei sektiererisch. Ich musste darüber lachen, aber stimmen tut es vielleicht. Jetzt habe ich vor, wenigstens den ersten Teil bis zum Ende zu lesen, und dann mal weitersehen.
Der Einwand meiner feministischen Freundin (nicht Freundin-Freundin): als wäre ich gegenüber der Brillanz von Künstlerinnen blind. Aber das Buch, das sie mir neulich empfohlen hat, Speculum von Luce Irigaray, ist lange vergriffen (Suhrkamp braucht das Geld für Krimis). Und Hélène Cixous soll ich auch lesen, Die unendliche Zirkulation des Begehrens, das ist ebenfalls vergriffen.
Ich bin nicht sicher, ob mein Geist diese akademischen Sachen aufnehmen kann.

Hier ein Blick voraus auf meine November-Platte (CD), Angelika Niesciers New York Trio featuring Jonathan Finlayson. Looking forward to it! – Leider verpasse ich ihren (und Julia Kadels) Auftritt in der Akademie der Künste dies Wochenende, aber es werden sich andere Gelegenheiten bieten. Allerdings muss ich erst mal zum Konzertgeher werden. – Nächste Woche kann ich üben, dann spielt Greg Cohen im DaBangg in Friedenau.

Als ich neulich auf dem Nachhauseweg im S-Bahnhof Schöneberg eine Brezel kaufte – ich lasse sie mir immer auf die Hand geben – tat die Verkäuferin eine zweite Brezel in eine Papiertüte, schob sie mir hin und sagte: „Ich schenke dir das auch!”

Annette Weber Eurythmie der Gewalt

Vielleicht arbeite ich meine untenstehenden Notizen noch zu einer Kritik aus und publiziere sie dann auf einer Seite, wo man sie auch findet. Jetzt erst mal als Skizze hier für meine zwölf Followerinnen (generisches Femininum!).

Eurythmie ist ja erst einmal eine friedliche Sache. Erdmute, eine der beiden Heldinnen in Annette Webers Debütroman Eurythmie der Gewalt, als Kind von Anthoposophen zum Tanz genötigt, verknüpft aber durchaus Hassgefühle damit – und vermutet finstere Geheimnisse hinter der sedierten All-Liebe:

„Die angehaltene Luft, die bei ihren Eltern zu Hause jegliche Regung zu ersticken schien, war sicherlich ein Grund für ihre Wut – irgendwo in diesem Mief, diesem ungelüfteten Aggressionsstau, dem schweigenden Weitermachen musste sich hinter den bunten Eurythmietüchern, die ihre Mutter überall im Haus hängen hatte, eine Falltür, eine Kammer, ein Verlies befinden, in dem all das Grauen aufbewahrt wurde, das zu widerwärtig war, um vorgezeigt zu werden.”

An anderer Stelle heißt es pointiert: „Für Erdmute, die damals noch keine zehn Jahre alt war, erschien diese Welt nicht heilig, sondern wie ein Truppenübungsplatz für die Wahrheit, für das Gute und Richtige.”

Erdmute nimmt bei erster Gelegenheit Reißaus, genießt ihre neugewonnene Freiheit und findet schließlich ihren Weg als Ethnologin und Konfliktforscherin.

Ada, die zweite Hauptperson des Romans, lebt in Los Angeles und verdient ihren Lebensunterhalt damit, glamouröse, kaputte oder langweilige Persönlichkeiten der Popkultur wie Courtney Love oder Lennie Kravitz zu interviewen. Auch Ada liegt mit ihrer Familie im Clinch, eine Hass-Fremdheit verbindet sie mit ihrer Althippie-Mutter Ella; ihrem Vater Madut war und ist sie egal (er fühlt keine Liebe für sie), und er ist ihr auch egal (außer dass sie sich von ihm geliebt wünschte). Ihr Halbbruder Sirius ist ein erfolgreicher Anwalt, aber verzweifelt und verloren. Mag er auch auf ihrer Couch sitzen – er ist Ada fremder als ihre ’neue‘ Halbschwester Awut, die sie kennenlernt, als sie ihren Vater in Nairobi aufsucht. Madut, starrsinniges Oberhaupt einer neuen Familie: ein Freiheitskämpfer? Es wird nicht ganz deutlich. Ada will ihn sehen, um mit ihm abschließen zu können.

Eingefasst von einem Prolog und einem sehr kurzen, übrigens überflüssigen, Epilog, umfasst der Roman zweiunddreißig Kapitel. Es ist erstaunlich, wie viel Welt Annette Weber in das schmale Buch gepackt hat, ohne es doch zu überladen – und keine angelesene, sondern eine durch eigenes Sehen und Erleben beglaubigte Welt. Zu den vielen Ereignissen der Romanhandlung kommt die Überraschung einer schnellen, unbehäbigen und frischen Sprache: dass das Deutsche so beweglich sein kann!

Wo immer in diesem Roman Familie vorkommt, ist sie zerrüttet, oder sie wird in ihrer Intaktheit von außen bedroht. Dies, und der Bezugspunkt Afrika, Erdmutes Arbeitsgebiet und Heimat von Adas Vater, verbindet beider Geschichten, die im übrigen unverbunden nebeneinander stehen – mit einer, wie zufälligen, Ausnahme.
Diese Besonderheit im Aufbau, die ungeraden Erdmute-Kapitel und die geraden Ada-Kapitel nicht miteinander zu verknüpfen, ist verwirrend und rätselhaft. Zudem kennen sich die beiden Frauen nicht, so dass ihr gemeinsames Auftreten im Buch beinahe beliebig erscheint. Warum nicht nur von der einen, oder nur von der anderen erzählen?
Aber es ist ja auch richtig: Der eigene Blick auf den anderen wird genauer, wenn er auf des anderen Blick auf das Eigene trifft. Dies innerhalb einer Geschichte zu tun, wäre vielleicht das Naheliegende gewesen.

Als Autorin ist Annette Weber, im bürgerlichen Leben promovierte Politologin, überhaupt keine Debütantin: Sie war Redakteurin für das Thema Gender bei der Jungen Welt, hat als Musikjournalistin, spezialisiert auf Hip-Hop und Rrrriot grrrls, u.a. für die Spex und die taz gerarbeitet; außerdem verfasst sie Fachbeiträge zu den Staaten des Horns von Afrika.

Annette Weber, Eurythmie der Gewalt. Roman. 240 Seiten, broschiert. Textem Verlag, Hamburg 2018. 18,00 Euro

Sternrenetten

Aber mein Hunger auf neue Musik war nicht gestillt, also habe ich mir auch noch Stepping Back, Jumping In der englischen Trompeterin und Komponistin Laura Jurd gekauft, worüber ich zwei Stunden vorher eine Rezension gelesen hatte. „With Stepping Back, Jumping In, Laura Jurd has created an ecosystem full of sonic contrast, multiple layers and dimensions, with rigorous composition alongside improvisatory spaces. The result is dynamic, vibrant music that welcomes multiple listens and showcases some of the most exciting composer-instrumentalists around today”, sagt Jurds Plattenfirma Edition Records. Hier das Stück Companion Species, das Anja Lauvdal und Heida K. Johannesdottir komponiert haben, beide 32 Jahre alt, ein bisschen älter als Laura Jurd mit ihren 29. Man kann es auch bei Bandcamp anhören (und kaufen), hier.

Ich empfehle auch Ishtar, das Laura Jurds Pianist Elliot Galvin beigesteuert hat, ein weiterer Hochbegabter aus dem Vereinigten Königreich: sehr cool.
Der Einstieg ins Album, Laura Jurds Komposition Jumping In ist ein Schubser ins kalte Wasser, der je nach Gemütslage als Zumutung oder als Geniestreich empfunden werden wird, gut zehn Minuten herausfordernder Big Band-Musik (fünfzehn Spieler) mit Countryeinschlag, Santurzirpen und elektronischem Geschlinge. Die Instrumentierung ist unmöglich, wie englischer Pudding – so einer mit Fleisch, Zitronat und Schokolade -, aber das Ergebnis gibt Laura Jurds kühner Klangvision Recht.

Mit diesen beiden glanzvollen CDs, Kaskaden vom Julia Kadel Trio und Stepping Back, Jumping In der Laura Jurd Band, werde ich nun gut über den Monat kommen.

Die Sternrenetten: ein Freund hatte sie mir mitgebracht, der für drei Übernachtungen nach Kleinmachnow gekommen war, um im fernen Berlin eine Wohnung zu suchen. Viele Jahre hatte ich keine mehr gegessen – tatsächlich könnte es Jahrzehnte her sein. An den Namen konnte ich mich immerhin noch erinnern. So gute Äpfel (Äpfel mit Geschmack) findet man kaum irgendwo, und ich bin wirklich erfreut, sie ein paar Tage noch, in schwindender Anzahl, hier zu haben. (Sie kommen von einer niederrheinischen Streuobstwiese.)