Jahrestage Nachbetrachtung (3)

Ich hatte Verfremdungstechniken erwähnt. Johnson nimmt englische idiomatische Ausdrücke und übersetzt sie wortwörtlich ins Deutsche. Auch der englische Satzbau wird bei Bedarf übernommen. Weiter ist Gesine eine sehr ergebene Leserin der New York Times; Nachrichten werden in den Roman eingebaut und nicht selten im Wortlaut (aber auf Deutsch) zitiert. Diese obsessive Zeitungslektüre ist ein strukturierendes Element der Jahrestage; überhaupt spielen Medien eine große Rolle. Wenn Gesine Marie von Mecklenburg erzählt, dann nicht einfach so von Angesicht zu Angesicht – nein, in der Cresspahl’schen Wohnung steht ein Tonbandgerät, das die Erzählungen aufzeichnet. Gelegentlich werden Telefongespräche protokolliert, Photographien beschrieben. Telegramme, Ansichtspostkarten (in Johnson’scher Diktion: Ansichtenpostkarten), Briefe werden versandt, zu seltenen Gelegenheiten wird fernsehen gestattet, eine Platte aufgelegt (The Beatles, Revolver), Radiosendungen kommen ins Haus, werden auf Wunsch aufgenommen. Die Büromaschinen und Kommunikationsformen (z.B. Memos) innerhalb der Bank kommen hinzu, was auf das Gebiet der Textsorten führt: Die Jahrestage bieten alles, von Trinkspruch und Predigt bis zu Spitzelreport, Schulaufsatz, Gutachten, Werbeslogan, Wandkritzelei, Liste und Testament. Neben viel Mecklenburger Platt wird Russisch, Tschechisch, Dänisch, Englisch gesprochen, unter anderem. Manches kann man sich zusammenreimen, ansonsten ist der online gestellte Jahrestage-Kommentar eine Hilfestellung in allen Belangen.

Es ist sinnlos, diese Lese-Anmerkungen fortzuführen. Alles ist schon gesagt worden, ich verweise stellvertretend auf Damion Searls, der Jahrestage unter dem Titel Anniversaries ins Englische übersetzt, und in The Paris Review über das Buch und seine Arbeit berichtet hat, s. hier. Nehme ich mir also zu Herzen, was ich heute in der U-Bahn las (Berliner Fenster): „Gepriesen sei derjenige, der nichts zu sagen hat und davon absieht, es zu beweisen.”

Jahrestage Nachbetrachtung (2)

Ich weiß nicht, ob es sich heute immer noch so verhält, aber als die ersten Lieferungen der Jahrestage Anfang der 70er Jahre erschienen, urteilten einige Kritiker (Helmut Heißenbüttel zum Beispiel), der neue Roman bedeute gegenüber Mutmassungen über Jakob (1959) und Das dritte Buch über Achim (1961) einen künstlerischen Rückschritt (dazwischen gab es aber noch Zwei Ansichten, nicht zu vergessen, 1965). Das ist verständlich, denn mutwillige Modernismen – die ich in den Mutmassungen und im Achim-Buch mochte – fallen zunächst einmal nicht auf. Das macht die Jahrestage aber darum nicht zu einem konventionellen Roman, den man so schmökermäßig runterlesen kann, wie Johnsons jovialer Lektor Raimund Fellinger im Gespräch mit dem soignierten Johnson-Forscher Holger Helbig zu verstehen gab.
Die Jahrestage sind mit Verfremdungen und Irritationen gespickt, das beginnt schon mit ihrer äußerst artifiziellen, schematischen, geradezu zwanghaften Anlage. Ein Jahr aufzuschreiben, das war der Plan. Auf das undatierte Anfangskapitel, das vielleicht die Tage des 19. und 20.8.1967 festhält, beginnen die Jahrestage regulär mit „21. August, 1967 Montag”. Dies Prinzip hält Johnson konsequent für den ganzen Roman bei: ein Kapitel, ein Tag.
Der erste Teil endet mit dem Tageskapitel für den „19. Dezember, 1967 Dienstag”, worauf mit unschlagbarer Trockenheit die Ankündigung folgt: „Der nächste Teil dieses Buches beginnt mit dem Kapitel für den 20. Dezember 1967.” Da haben wir aber schon knapp 480 Seiten gelesen. Man erahnt, welch brutales Schreibprogramm sich Johnson aufgebürdet hat.
Es gibt zwei große Erzählstränge: zum einen das Leben der aus Mecklenburg stammenden 35-jährigen Bankangestellten (Fremdsprachensekretärin) Gesine Cresspahl und ihrer ungefähr 10-jährigen Tochter Marie in New York 1967/68 („Aus dem Leben von Gesine Cresspahl” ist der Untertitel des Romans); zum anderen das Leben in Mecklenburg von den 20er Jahren an. Das erzählt Gesine ihrer Tochter, die will es wissen.
Beides wechselt einander ab, auf ein New York-Kapitel folgt ein Mecklenburg-Kapitel (da gibt es auch eine – fiktive – Stadt, Jerichow). Dies aber ist nur das grundsätzliche Bauprinzip; bereits auf den allerersten Seiten wird es gebrochen, indem die Beschreibung eines idyllischen Ferientages am (amerikanischen) Strand mit Erinnerungen an die Vorkriegszeit und blitzartigen Bildschnipseln aus dem Krieg überblendet wird (wie im Film). Manche Kapitel schneiden beide Welten hart gegeneinander, zum Beispiel das für den 3. September 1967, das von der Brautwerbung Heinrich Cresspahls erzählt, und gleichzeitig von Ilse Koch, der „Bestie von Buchenwald”. Andere Kapitel fangen mit 1968 an und gehen mit 1951 weiter und umgekehrt.

Foto: Bernward Reul

Heute nachmittag gibt es hier wieder ein Kaffeetrinken, das erste seit Anfang Juni. Schon zu Kölner Studienzeiten habe ich regelmäßig zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Für dieses Mal haben sechs Gäste abgesagt, weil sie nicht da sind oder schon anderes vorhaben, drei haben sich nicht gemeldet, fünf wissen noch nicht, ob sie kommen können, drei haben verbindlich zugesagt und freuen sich, darunter eine Arbeitskollegin, die zum ersten Mal in ein deutsches Haus eingeladen wurde (klingt komisch). Jetzt kann ich mir überlegen, ob ich für vier oder für vierzehn Leute Schrippen kaufe. Hm.

Jahrestage Nachbetrachtung (1)

Es ist schon auch Arbeit, das Buch zu lesen, das Johnson in vier Lieferungen veröffentlichte, unterbrochen von einem fast zehnjährigen writer’s block (in welcher Zeit er weiter geschrieben und veröffentlicht hat, aber der Roman ruhte), und doch ist der erste Impuls, wenn man nach Seite 1891 – dem berühmten Schluss: „Beim Gehen an der See gerieten wir ins Wasser. Rasselnde Kiesel um die Knöchel. Wir hielten einander an den Händen: ein Kind; ein Mann unterwegs an den Ort wo die Toten sind; und sie, das Kind das ich war[.]” – das Buch zugeklappt hat, es auf Seite 7 wieder aufzuschlagen: „Lange Wellen treiben schräg gegen den Strand, wölben Buckel mit Muskelsträngen, heben zitternde Kämme, die im grünsten Stand kippen[.]” – und es noch einmal ganz zu lesen.
Johnsons Treue zu seinen Personen ist bekannt. In den Jahrestagen kommen sie alle zusammen: Heinrich Cresspahl, Jahrgang 1888, Vater von Gesine (geb. 1933), Großvater von Marie (geb. 1957), der Eisenbahner Jakob Abs – Maries Vater -, Ingrid Babendererde, der Journalist Karsch, Jakobs Kollege Jöche, und andere mehr. Aber auch im Jahrestage-Kosmos selbst wird keiner vergessen. Zu nennen wären Mrs. Ferwalter, Gesines Nachbarin am Riverside Drive, der die Erzählstimme ziemlich am Anfang ein eindringliches Porträt widmet, der Hausmeister Mr. Robinson („Adlerauge”), der Freund der Familie D.E. alias Dietrich Erichson, eine junge Frau namens Marjorie: New Yorker Zufallsbekanntschaft, der Anwalt Avenarius Kollmorgen, Gesines Jugendfreundin Anita (die zur Erzählzeit des Romans, 1967/68, in Berlin als Fluchthelferin arbeitet), die Gräfin Seydlitz, der anonyme Zeitungsverkäufer auf dem Broadway, Barbesitzer, der Bankier de Rosny, Maries Klassenkameradin Francine (aus schwierigen Verhältnissen kommend), Gesines alter Englischlehrer Dr. Julius Kliefoth … Dutzende Personen, alle bedacht, alle behütet von einem Erzähler, der alles weiß, über alles erhoben ist, ohne überheblich zu sein. Ein genauer Chronist und Archivar. Ein Menschenfreund.

Eric Dolphy als Klarinettist: hat man auch nicht so oft. Aber hier, 1961

Drei Friedhöfe

Bei dem Sonntagsausflug der Fit Analytics-Wandergruppe haben wir uns wegen zu hoher Temperaturen dann doch mit nur zwei Schöneberger Friedhöfen begnügt, dem Alten St. Matthäus Kirchhof und dem Alten Zwölf Apostel Friedhof an der Kolonnenstraße. Zum Abschluss aßen wir noch ein Eis. (Sie hatten die billigste Waffel zu ihrem Gefrorenen, die Dummen, schmeckte nach nichts, nach Esspapier, Hostie allenfalls.) Der dritte Friedhof wäre der Friedhof Alt-Schöneberg gewesen, auch Friedhof an der Dorfkirche genannt. Läuft ja nicht weg.
Dass ich jetzt mal wieder was schreiben kann, liegt daran, dass ich Ferien habe! Gut, Montag muss ich noch arbeiten (Buchhandlung), aber dann. Erst am 23. September werde ich wieder ein nützliches Mitglied der Gesellschaft sein.

Inzwischen habe ich Johnsons Jahrestage zu Ende gelesen. Eine Erkenntnis, die sich aus der Lektüre ziehen lässt: einmal lesen reicht nicht. Vielleicht sage ich noch mehr dazu, jetzt erst mal nicht.
Außerdem (ich tu, was ich kann): zwei Komödien von Alfred de Musset, die jeweils mit einem Tod enden und auch sonst nicht nur lustig sind – brillant rundum.
Nun lese ich wieder eine Komödie, Das Spiel von Liebe und Zufall, 1730 uraufgeführt. Keine Toten diesmal. Stattdessen: Zwei, die sich noch nie begegnet sind, sollen einander heiraten. Die Braut bittet ihren Vater, mit ihrer Dienerin Rollen tauschen zu dürfen, um den Zukünftigen auf Tauglichkeit zu prüfen. Der Vater stimmt zögernd zu. Man versteht sein Zögern, denn die nachfolgende Szene offenbart, dass er Post vom Vater des Bräutigams erhalten hatte, in dem dieser ihm mitteilt, sein Sohn habe die kuriose Idee geäußert, in Verkleidung seines Dieners seine Aufwartung machen zu wollen. Die geschliffenen Dialoge sind wunderbar zu lesen. Verwirrend ist das Ganze aber auch, weil die Personen im Textbuch ihren angestammten Namen behalten, also Dorante, der Bräutigam, ‚ist‘ Arlequin, behält aber den Buchnamen Dorante (und umgekehrt), Sylvia, die Braut, ‚ist‘ Lisette, bleibt im Buch aber stets Sylvia.

Oben ein reizvolles Stück von Andrew Hill. Da die Welt von Dummheit regiert (und zerstört) wird, ist es eine politische Pflicht und ein Gebot des Widerstands, sich so gut als möglich mit intelligentem Zeug zu umgeben.

Bildnis mit Bienenstich / im Anzug

Foto: Ulrich Reul

Neue Bücher:
Theodor Fontane Grete Minde / Unterm Birnbaum
Theodor Fontane Der Stechlin

Ostbelgien als Urlaubsziel natürlich auch deswegen, weil mein Vater von dort kommt – nur dass es zu seiner Zeit noch Preußische Rheinprovinz hieß: Der Kreis Eupen gehörte von 1816 bis 1920 dazu, danach wurde er belgisch. 1920 war mein Vater, der heute vor hundertacht Jahren geboren wurde, neun Jahre alt. Es gab dann einen Umzug, nach Gelsenkirchen: Heimatverlust und Kulturschock. Den Eupener Zungenschlag behielt er sein Leben lang, und immer war die Freude groß, wenn Goldschmied Peter Bücken aus Kohlscheid bei Aachen kam, der hatte drei, vier Reisfladen dabei, eine Spezialität der Region: Kindheitserinnerung, auch für mich jetzt.

Foto: Bernward Reul

Das obige Porträt entstand 2007, knapp ein Jahr vor seinem Tod. Dies hier ist von 1996. Anzugträger war mein Vater nicht zu allen Gelegenheiten, der vornehme Auftritt deutet auf einen festlichen Anlass hin; ich bezweifele, dass es der fünfundachtzigste Geburtstag war. Wahrscheinlich was anderes. Eine Ausstellung? Obwohl, dass ich jetzt meinen Bruder, den Gewandschneider, gebeten habe, mir einen Anzug zu nähen, hing durchaus mit einem Geburtstag zusammen. (Ich muss unbedingt zu Knopf Paul, wegen der Knöpfe: viel mehr, glaube ich, fehlt nicht.)

Ich könnte mehr schreiben, aber nebenan ist noch ein Rest Pfannkuchenteig von gestern, im Kühlschrank entsteinte Kirschen, soll beides nicht schlecht werden.

Dank an meinen (anderen) Bruder für die Bereitstellung der Photographien.