PS

Liebe Leute,
nach gut dreieinhalb Jahren schließe ich das Kapitel „Denkmuff” heute ab. Es war nett, aber jetzt muss was anderes her. Danke an alle, die das (We)blog(buch) lesend und kommentierend begleitet haben.
Ich lasse die Seite online. Was ich hier gemacht habe, werde ich auf andere Weise fortsetzen, auf anderen bestehenden Webseiten, per E-Mail, Brief oder Postkarte, in Tage- und Notizbuch, telefonisch oder bei einem Kaffee in jemandes Küche oder Wohnzimmer.
Viele Grüße,
Meinolf

Forts.

recherchieren:
Cambridge, Cambridgeshire, England
Cambridge, Middlesex County, Massachusetts, Vereinigte Staaten

Es könnte jetzt mit einer Beschreibung weitergehen, er war soundo groß, Haarfarbe soundso, Stimme soundso usw., aber ich bin ja nicht das Fernsehen und möchte auch keine Fleißkärtchen erringen, abgesehen davon, dass es mich tödlich langweilen würde, Lloyd James Austin zu beschreiben, der ja nicht mal der Lloyd James Austin ist, sondern einfach ein Satzsubjekt, das ich brauche, um hier was vom Pferd zu erzählen. (Und, logischerweise, „ich” ist auch nicht gleich ich, wie in einer sauberen mathematischen Gleichung, sondern ein lieblos mit Sägespänen oder alten Marshmallows ausgestopftes erzähltes Ich, dem ich alles in die Schuhe schieben kann, was ich will, aber ich lass es, ich lass es.)
Also bitte, wer meint, er muss jetzt aber wissen, wie der Gelehrte aussah, soll sich selber eine Figur basteln, den Kopf habe ich = hat das Internet ja schon geliefert, einfach copypasten, auf ein leeres Blatt setzen, ausdrucken, wenn Drucker vorhanden, sonst auf einen Stick ziehen, wenn Stick vorhanden, kostet aber auch nicht so doll viel, und dann ab dafür zu Copy Day. Man kann auch ein Gesellschaftsspiel daraus machen, wie die Surrealisten, eine-einer fängt mit dem Hals an, dann das Papier knicken, die-der andere macht mit der Schulterpartie weiter, Papier knicken, und dann so weiter bis zu den (beispielsweise) schwarzlackledernen, etwas spitz zulaufenden Schuhen, fertig ist der Cadavre Exquis, Dieu merci, weiter im Text. (Ich hab hier ein bisschen gegendert, aus Freundschaft zu Agnes, kann man doch mal machen, man, frau, mensch, stört nicht den Lesefluss.)

Meine Mallarmé-Ausgabe (haben wir mal ein Bild? Dankeschön)

Mallarmé, Poésies

ist infolge häufiger Benutzung am Buchrücken zweimal geknickt, auf jeder ihrer 350 Seiten vollgeschrieben mit Worterklärungen, Zitaten von Mallarmé-Exegeten (Paul Valéry, Paul de Man), Einzeichnungen von Zeilensprüngen, Liaisonen, Bezeichnungen der Reimschemata – Großbuchstaben: weibliche Reime, Kleinbuchstaben: männliche Reime -, Jahreszahlen der jeweiligen Entstehung oder Erstveröffentlichung, Hinweisen auf Vertonungen (Debussy, Ravel, Boulez) usw., am oberen Schnitt gibt es Kaffeeflecken und die Beschichtung hat sich vorne und hinten am Rand gelöst, wie sonnenverbrannte Haut oder Wurstpelle, wem das Bild näher ist. Ein Antiquar würde das Buch eine Sekunde in der Hand wiegen und dann ohne Zögern in die Tonne werfen. Und dabei sind doch eigentlich die vermasselten Bücher die wertvollen, wenn man den Wert von Büchern an der Zeit misst, die jemand mit ihnen verbringt. Eselsohren, hab ich vergessen.
Ich habe mir einen Spaß daraus gemacht, der Spur der Knicke nachzugehen: Der erste Knick befindet sich auf Höhe der Seiten 80/81. Dort stehen die Gedichte „Sainte” („Heilige”) und „Toast funèbre” (was sich vielleicht mit „Traueransprache” wiedergeben lässt, wobei man nicht vergessen sollte, dass ein Toast ein Trinkspruch ist … Und diese Art des Trauerns gefällt mir ja ganz gut, wo man zwar gedämpfter Stimmung ist, weil man einen lieben Menschen verloren hat, aber gleichzeitig auch Lust hat auf eine Runde Kegeln oder etwas in der Art). Auf der ‚Rückseite‘ des zweiten Knicks, S. 200/201, steht das Gedicht „A un poète immoral”, eines der Jugendgedichte Mallarmés, das er später verworfen hat, er hat es als Neunzehnjähriger geschrieben, Achtzehneinundsechzig. Man verwirft ja wahrscheinlich so ziemlich alles, was man mal gemacht hat, und zu Recht. Darf aber nicht vergessen, dass es dieser ganze Plunder von verworfenen Sachen ist, die einen am Ende ausmachen.
Aber ich komm vom Thema ab.
Was war das Thema?

L. J. A.

Lloyd James Austin

Lloyd James Austin

Okay, man kann natürlich Lloyd James Austin heißen, seine Wiege in Australien stehen haben (geboren am 4. November 1915 in Melbourne) und ein großer Mallarméforscher sein. Gewesen sein, für die Genauen, denn Lloyd James Austin ist längst gestorben.
„Am 30. Dezember 1994 schloss der Tod seine Knochenhand über dem [sic] gelehrten Herrn, in Cambridge, passenderweise, der alten Universitätsstadt.” (Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Lloyd_James_Austin, zuletzt abgerufen am 25.8.2016).
Ich schreibe dies alles natürlich haarklein aus einer Onlineenzyklopädie ab, sowas denkt man sich ja nicht aus. Ich frage mich nur, ob nach „Knochenhand” nicht der Akkusativ stehen müsste? Wirklich nur als Frage, ich bin mir da nicht sicher. Gut, das lässt sich jetzt, kurz nach Mitternacht, nicht so leicht klären. Ich hab also vorsichtshalber ein [sic] eingefügt, als Reminder für mich, dass diese Formulierung irgendwie schief klingt … [sic] allerdings und nicht [sic!], wie leidenschaftlichere Vertreter der Philologie und Biographik geifernd schreiben würden, denn, unter uns, grammatische Schnitzer sind doch im Grunde ganz unwichtig.

„Man wird mit Mallarmé nie fertig”, notierte L. J. A. zum Schluss seiner Einführung in der von ihm edierten Ausgabe der Gedichte Mallarmés (Flammarion, Paris 1998). „On n’en a jamais fini avec Mallarmé.”
Das, geschrieben von einem Vierundsiebzigjährigen, der sich seit seiner Jugend mit Mallarmé beschäftigt hat, ist ein super Satz, weil er ausdrückt, warum sich jemand von einem Forschungsgegenstand angezogen fühlen kann: Das Damit-nicht-fertig-Werden macht den Reiz aus. Es gibt Zwischenergebnisse, klar, und nicht mal von Pappe:

  • L’univers poétique de Baudelaire. Symbolisme et symbolique, Paris 1956
  • (Hrsg. mit Henri Mondor) Correspondance de Mallarmé, 11 Bde., Paris 1959–1985
  • (Hrsg. mit Garnet Rees und Eugène Vinaver) Studies in modern French literature presented to P. Mansell Jones by pupils, colleagues and friends, Manchester 1961
  • (Hrsg. mit Henri Mondor) Les «Gossips» de Mallarmé. «Athenaeum» 1875–1876, Paris 1962
  • Poetic principles and practice. Occasional papers on Baudelaire, Mallarmé and Valéry, Cambridge 1987
  • (Hrsg.) Poésies de Stéphane Mallarmé, Paris 1989
  • Essais sur Mallarmé, hrsg. von Malcolm Bowie, Manchester 1995

(Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Lloyd_James_Austin, zuletzt abgerufen am 25.8.2016)

– aber es bleibt zuverlässig etwas Unlösbares, Ungreifbares, da kann eine Sache noch so sehr eine Lebensaufgabe sein, das Leben reicht nicht aus, um sie abzuschließen. Damit wird das, na ja, Steckenpferd aber auch zum Symbol (dies ist, wie ich kaum zu sagen brauche, ein essentielles Wörtchen für Mallarmé, den Erzvertreter der Symbolisten) für das Leben selbst, das sich katzenhaft, oder eselig, sträubt, trotz pfleglichster Behandlung und angelegentlicher Zuwendung, ausreichend Schlaf, ausgewogener Ernährung usw.
NB. Ich schreibe „usw.”, wohl wissend, dass Mallarmé schon die Abkürzung „etc.” nicht leiden konnte. Was will man machen.

radio satt #4: Lilian Peter

Folge #4 von radio satt ist der Schriftstellerin und Übersetzerin Lilian Peter gewidmet. Sie liest aus einem unbetitelten Romanmanuskript, dazu einige Gedichte: kluge, gedankentiefe, musikalische, sprachversessene, gewitzte und vertrackte Texte, entfernt theorieverwandt, nicht unironisch.

radio satt #4: Lilian Peter

Die Sendung, vielleicht nicht weiter schlimm, beginnt etwas hakend, was ich nachzusehen bitte, aber die Hauptsache ist sowieso die Lesung. Diese fängt an mit einem Romanauszug, in dem gespensterhaft Daniel Paul Schreber erscheint, Verfasser der Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Daran schließt sich eine kleine Unterhaltung über das Gehörte an, gefolgt von einer Vorrede zu den (sechs) Gedichten, die die Sendung beschließen. Die Gedichte können teilweise auf dem Blog von Lilian Peter nachgelesen werden: peterslilie.

Baustelle

Meine Nachfolgerin war Caroline, die ihren englischen Namen ihrer englischen Großmutter verdankte, sie war aber italienischer Abkunft. „Baustelle” sagte sie, als sie vom dritten Stock hinunter auf die in Konstruktion befindliche Shopping Mall sah, von der noch nicht viel zu erkennen war, Gott sei Dank. Bagger hoben eine Tiefgarage aus, und da standen so fette Teile, in denen, glaube ich, Beton bevorratet wurde, sie sahen aus wie etwas zusammengedrückte stählerne Sanduhren. Sie erklärte uns, wie merkwürdig das Wort in ihren Ohren klang, denn „bau bau” sei der italienische Ausdruck für bellen, und „stelle” seien Sterne. So verband sie mit „Baustelle” die Idee eines Hundes, der die Sterne anbellt. Aber habe ich das nicht schon erzählt? Na, was soll’s. Jetzt bin ich so alt, jetzt darf ich mich auch wiederholen. Sie rauchte selbstgedrehte Zigaretten und sah immer käsebleich aus, die Haut auch nicht so richtig glücklich. Sie war hundeverrückt und liebte das Chaos, oder sie hielt es aus. Ein Hund lief da auch immer rum, wenn ich vorbeikam, aber der war geheim. Sie verschlief die Tage (hat mir Paul erzählt) und wurde erst abends munter, dann ging sie auf Parties, und zwar, wenn ich richtig verstanden habe, ausnahmslos jeden Abend, vielleicht auch normal mit dreiundzwanzig. Mitten in der Nacht kam sie dann zurück, putzmunter, aufgekratzt, angeschickert, und machte Krach, die Nachbarn beschwerten sich. Es war sicher kein bösartiger Krach, vielleicht tanzte sie nur eine Runde oder sang mit Leidenschaft ein Lied. Sie machte die Nacht zum Tag und verhielt sich so, das ging gar nicht gegen irgendwen. Weiß nicht, ob Paul was davon mitkriegte. Der ging zwar auch nicht mit den Hühnern ins Bett, aber irgendwann brauchte er doch seinen Schlaf und stopfte sich dann die Ohren mit Ohropax zu. Sein Zimmer ging zur Straße, und gleich dahinter die Baustelle, um sieben Uhr fingen die an, wuff wuff, der Bagger renkte seine steifen Kiefer ein und dann Abriss. Nix Sterne, Caroline. Aber wie komme ich jetzt darauf.