Das Dickicht nach fünf Jahren

Mit großer Verspätung habe ich gerade Dickicht mit Reden und Augen (2013) gelesen, den dritten Gedichtband von Steffen Popp. Es scheint mir im Vergleich zu Wie Alpen (2004) und Kolonie Zur Sonne (2008) ein eher schwaches Buch, jedenfalls verließ mich der Verdacht nicht, hier werde zur Hälfte geblufft – Bluff im Sinne einer Produktion, die nicht ernsthaft gerechtfertigt ist. Die lobenswerte Ausnahme bildet der dreizehnteilige Zyklus über eine Kindheit und Jugend in der DDR, „Narrativ” überschrieben (worüber man streiten kann: Wäre „Beton”, auch in der Abfolge von „Vom Meer”, „Wälder”, „Von Zinnen” – die Überschriften der vorhergehenden Kapitel -, nicht besser geeignet gewesen?) In diesen eindringlichen Gedichten ist Steffen Popp auf der Höhe der Kunst, hier ist er nicht der leichtsinnige Spieler, der sich mit kombinatorischen Tricks selbst in die Parade fährt, und für sie hat er den Peter Huchel-Preis tatsächlich verdient.
Jetzt freue ich mich, seine zuletzt erschienenen Gedichte zu lesen, 118 (2017).

Steffen Popp, Dickicht mit Reden und Augen. Gedichte. 88 Seiten, broschiert. kookbooks, Berlin 2013.
Steffen Popp, 118. Gedichte. 144 Seiten, broschiert. kookbooks, Berlin 2017.

Richard Davis nachgucken

Was ist denn mit Ron Carter passiert, der klingt ja wie ausgewechselt, dachte ich heute, als ich Out to Lunch! wiederhörte. Hat Eric Dolphy ihm vielleicht eingeschärft, er solle ausnahmsweise komplett anders spielen als sonst und sich ein für alle Mal merken, dass der Bass kein Begleitinstrument ist, sondern einfach ein Instrument? Aber dann sah ich, dass der Bassist der Aufnahme Richard Davis ist. Der ist irgendwie nicht so bekannt wie andere Große seines Fachs, darum, eher als Erinnerung für mich selbst: Richard Davis spielt phänomenal.
Überhaupt sind alle bestens aufgelegt, Dolphy selbst, klar, Freddie Hubbard, Tony Williams, der Meisterschlagzeuger, damals gerade achtzehn … Bobbie Hutcherson spielt das Vibraphon fast vibratolos, wie ein Xylophon, und oft sind es freie Linien, doch manchmal schlägt er auf das Metallgehäuse, dann kommt ein comicmäßiges klong.
Out to Lunch!: eine super Platte. Wo hab ich sie eigentlich?
Ich war nur überrascht, dass sie auf der AllMusic Free Jazz-Bestenliste steht. Denke doch eher, dass hier greift, was jemand über Ornette Coleman sagte (auf einen Zettel gekritzelt, ohne Namen): „Ornette didn’t play free jazz, what he did was he freed jazz.”
Stand in einem Artikel des New Yorker über O.C.s Beerdigungsfeier, auf der, neben anderen, Ravi Coltrane gespielt hat, Musikerkollege, Sohn von John Coltrane. Neben der Ehrung auch eine späte Dankabstattung, denn 1967 hatte Coleman auf Coltranes Wunsch auf dessen Beerdigung gespielt. So schloss sich ein Kreis, was überhaupt laufend geschieht, glaube ich. Sähe man wie Astro Alex auf die Welt herab – man erblickte lauter Kringel.

Input

„Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg.”
(Sigmund Freud an Albert Einstein)
Daran halte ich mich.
In dem Punkt bin ich gewissermaßen meine Eltern in Personalunion, die mit dem Argument „Das ist für die Bildung” immer großzügig waren mit allem, was uns weiterbringen konnte.
Also bevorrate ich mich (immer maßvoll!) mit Musik und Büchern, erwerbe zudem hin und wieder eine Berliner Zeitung, das macht mir gute Laune.
Zuletzt habe ich mir eine 5-CD-Box von Wayne Shorter gekauft, mit Aufnahmen, die er zwischen 1964 und 1967 für Blue Note eingespielt hat und die, teilweise erst Jahre nach ihrer Entstehung, auf den Alben Night Dreamer, The Soothsayer, Et cetera, Adam’s Apple und Schizophrenia erschienen sind.
„Weird like Wayne” war in den 60ern unter den jungen Jazzfreunden New Yorks eine Redewendung, habe ich irgendwo gelesen, aber vielleicht waren sie auch nur ein einziger Mensch namens LeRoi Jones, nachmals Amiri Baraka. Egal.
Übrigens hat Wayne Shorter einen Trompete spielenden Bruder namens Alan, den man zum Beispiel auf Archie Shepps Four For Trane hören kann. Eine musikalische Familie.
Am Ende landen die Leute beim Jazz, wie mein Freund Walter ganz zutreffend sagte.

Die neuest hinzugekommenen Bücher sind von Ann Cotten und Yves Bonnefoy, denen ich beiden eine Treue bewahre. Anders als hier in der Abbildung zu sehen, weist mein Exemplar von Was geht allerdings kein Fragezeichen auf.

Die Wiener Dichterin widmet sich in ihren Vorlesungen unter dem Vorzeichen des Spazierengehens Fragen der Poetik. „Silly Walks” kommen vor, „Verzerrung”, „Vertrauen”, „Kommunismus als Werkphase” und vieles andere mehr, alles schön flott dargeboten, so dass niemand in Versuchung kommt, einzuschlafen.
Aber das schreibe ich hier nur superpauschal, denn viel lesen können habe ich noch nicht.
„Flaneusen sind (und natürlich Flaneure) ein großes Ärgernis, nicht nur für die Putztrupps, denen sie in die frisch gewischten Strandpromenaden tappen, sondern vor allem auch für die anderen Flaneursen.”
So launig geht es los, und AC mutet dem wohlgemuten Leser hier schon zu, was auf der nächsten Seite als „Polnisches Gendern” namhaft und wie folgt beschrieben wird: „alle für alle Geschlechter notwendigen Buchstaben in beliebiger Reihenfolge ans Wortende.”
Hoffentlich macht es nicht Schule.
AC schreibt: „Mündlich ein bisschen schwieriger als schriftlich, aber es wird sich schon nach und nach durchsetzen, beim Automobil haben sie auch gesagt, so ein Schwachsinn.”

Der rote Schal ist das letzte Buch von Yves Bonnefoy. Elisabeth Edl und Wolfgang Matz haben es übersetzt. Ich war überrascht, dass es überhaupt ein letztes Bonnefoy-Buch gab – eines nach Die lange Ankerkette -, aber als ich neulich Montag meine einwöchige Vertretung in der Wilmersdorfer Buchhandlung antrat, in der ich seit bald fünf Jahren arbeite, lag es auf dem Neuheitentisch, mit diesem prächtigen Max-Ernst-Buchumschlag.
Der alte Dichter, am Ende seines Lebensweges angekommen, erzählt darin von einem liegengebliebenen Gedichtfragment, das seinerzeit wie unter Diktat entstanden war, und an das er später nicht mehr anknüpfen konnte.
„Tatsächlich wollte ich mich nicht damit abfinden, dass ‚Der rote Schal’ unvollendet, und genauso wenig, dass dieses Rätsel der plötzlich versiegten Eingebung unlösbar blieb.”
Bonnefoy wird also Detektiv in eigener Sache, und davon handelt das Buch – ein Buch über ein Gedicht, aber als Erzählung.
NB. Wer die rauhe Haptik der Edition Akzente schätzt, sollte – bei Interesse – ein Exemplar der ersten Auflage kaufen. Die nächste Auflage wird als Print on Demand erscheinen, pottenhässlich, aber zum gleichen Preis. 😦

Es war mir nicht bewusst, dass ich eine besondere Sehnsucht nach poetologischen Fragen habe, aber wie sonst soll ich mir erklären, dass die genannten Bücher eben solche über das Dichten sind und die nächsten zwei ebenso: Poetisch denken von Christian Metz und Aus Mangel an Beweisen von Michael Braun und Hans Thill? – Aller guten Dinge sind drei: Auch Dickicht mit Reden und Augen von Steffen Popp steht bei Shakespeare and Company für mich bereit.
Dieser Tage muss man kookbooks nach Kräften unterstützen. Das eifrige Finanzamt hat dem 2003 gegründeten Verlag eine Forderung ins Haus geschickt, die ihn in seiner Existenz bedroht.

  • Wayne Shorter, 5 Original Albums with full original artwork. Blue Note Records, New York, New York, 2016. ca. 18,00 Euro
  • Ann Cotten, Was geht. Salzburger Stefan Zweig Poetikvorlesung. 180 Seiten, broschiert. Sonderzahl Verlag, Wien 2018. 18,00 Euro
  • Yves Bonnefoy, Der rote Schal. Deutsch von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. 224 Seiten, Klappenbroschur. Hanser Verlag, München 2018. 24,00 Euro

Konzeptliteratur. „Gablenberger Tagblatt“ von Mara Genschel

Bei einem Mara Genschel gewidmeten und von ihr arrangierten Abend in der Berliner Raucherkneipe Rumbalotte trat ein Mann in weißer Malocherkluft vor, maulte: nicht mal in Ruhe sein Bier trinken könne man! Er sei vom Abriss, und Genschel rede Grütze.

‚Im Abriss‘ arbeitet aber auch Mara Genschel. War ihr Debüt Tonbrand Schlaf (2008) noch ein vergleichsweise konventioneller, wenn auch formal avancierter, Gedichtband, so kann die seit 2012 im Eigenverlag erscheinende Referenzfläche als Prototyp Genschelscher Demolierungskunst gelten. Die reduktionistischen Texte der Referenzfläche weisen diverse Eingriffe auf – handschriftliche Ergänzungen / Kommentare, Überschreibungen, Überklebungen, Durchstreichungen –, die ihr Textsein resolut in Frage stellen, es aber auch fixieren. Alles, was dasteht, könnte vielleicht auch nicht dastehen, und doch: die gestrichenen und geixten Wörter sind auf dem Papier, beharrlich. Die Negation ist positiv vorhanden, das Ausradierte hat eine Kerbung hinterlassen, das Kaputte zeigt sich intakt.
Die Begegnung der Texte mit ihrer Verneinung hat sie auch zäh gemacht und hat sie Witz gelehrt. Der sprachliche und formale Extremismus Mara Genschels zählt zum Lustigsten, was die deutsche Literatur zu bieten hat.

In Genschels Werk – aber den Werkbegriff würde sie ablehnen, also lieber: Im Kontext ihres Machens und Tuns ist die Bedeutung der Referenzfläche, in der alles aufs Spiel gesetzt wird, was Lyrik ausmacht, kaum zu überschätzen, weil hier zum ersten Mal jene Ästhetik des sich behauptenden Zweifels entfaltet ist, die alle ihre künstlerischen Äußerungen seither prägt, gleichviel ob es sich um die im engeren Sinn literarischen Arbeiten oder um ihre Lesungen und Performances handelt.

Gablenberger Tagblatt, Genschels jüngstes Buch, ist eine konsequente Weiterentwicklung und Transponierung in ein größeres Format des mit der Referenzfläche Begonnenen; dieselbe schöpferisch-ironische Bezweiflungsenergie ist am Werk, schafft und zerschafft den Text. […]

Beginn meiner gerade fertiggestellten Kritik zu Gablenberger Tagblatt, die demnächst bei satt.org erscheinen wird. Wer vorab lesen möchte, kann mir mailen. Sonst bis nächste Woche warten.

Streuselschnecke

Chronik ist ursprünglich keine Einzelveröffentlichung von Roland Barthes, im dritten Band seiner Oeuvres complètes nimmt sie gerade einmal fünfundzwanzig Seiten ein, genau gesagt: die Seiten 969 bis 993. Ich habe das nicht nachgeprüft.
Zwischen Dezember 1978 und März 1979 hatte Barthes (1915-1980) einmal in der Woche für Le Nouvel Observateur aufgeschrieben, was ihn bewegte, sich dabei einer minderen literarischen Form bedienend – minder, nicht minderwertig -, überdies die von ihm festgehaltenen Beobachtungen als „‚schwache’ Ereignisse” charakterisierend, im Gegensatz zu den landläufig medial aufbereiteten ‚echten’ Ereignissen.
Seine kleine Prosa werde „von der Überspanntheit der uns umgebenden Schreibstile erdrückt und fast ausradiert”, klagt Barthes dann auch – nicht überraschend — die Worte verraten gekränkte Eitelkeit – doch hält er ihr aus strategischen, letztlich politischen Gründen die Treue:
„[…] und wenn wir allmählich, geduldig dafür sorgten, dass sich die Skala der Intensitäten ändert? […] Müssen wir heute nicht der größt möglichen Zahl von ‚kleinen Welten’ Gehör verschaffen? Die ‚große Welt der Herden’ durch die unaufhörliche Teilung der Partikularitäten angreifen?”
Ich finde, das ist ein nobles Programm.
Die Chronik liest sich leicht, und anregend ist sie sowieso, steckt auch voller Anekdoten wie die von der alten Frau, die nicht mit der Einführung des neuen Franc zurechtkommt (diese erfolgte 1960, hundert alte Franc waren gleich einem neuen Franc) und buchstäblich nicht versteht, dass der Topf Primeln 30 Franc kosten soll, aber dann sagt jemand: Die Primeln kosten 3000 Franc, und da lacht sie und zückt ihren Geldbeutel. Ein anderes Mal berichtet der Autor, eine Werbeagentur habe ihm einen Button geschickt: „Kümmern Sie sich nicht um mich”, und der Musikfreund Barthes hält auch dies fest: „Ich werde Swjatoslaw Richter stets übel nehmen, dass er ein bestimmtes Menuett einer Sonate von Beethoven viel zu langsam gespielt hat”.

Hatte ich erwähnt, dass ich jede Woche rund fünfzehn Stunden S- und U-Bahn fahre, und zwar nicht zum Vergnügen?
In der zwischen Wannsee und Oranienburg verkehrenden Stadtbahn 1 fiel neulich in einem Gespräch das Wort „Streuselschnecke”.

Gestern habe ich einen Zwetschgenkuchen gebacken. Auch „Zwetschge” sagt man nicht oft – wenn, dann im September. Zwetschge. Zwetschge.
Man hätte Hagelzucker gebraucht.