Gartenrunde

Zu fünfzehnt saßen wir letzten Sonntag im Garten. Wie soll das erst nächstes Jahr werden? Immerhin, man konnte draußen sitzen, das Wetter war schön. Es ist ein gutes Plätzchen, von hohen Kiefern locker umringt, Vogelgezwitscher und Vogelgesang aus allen Richtungen. (Die Vögel sind fast die einzigen Netten hier in Kleinmachnow; sie tragen ihre Nase nicht auf dem Scheitel!)
Freundin A., bedenklich gestimmt ob der von ihr beobachteten Freude, die mir das Kuchenbacken bereitet, schenkte mir eine Baumaschinen-Sticker-Postkarte, dazu einen Wein „gegen überbordende Vergeistigung” und – aller guten Dinge sind drei – ein Blankobuch, das so edel gemacht ist, dass es vielleicht eines Tages ebenso blank meinen Erben in die Hände fallen wird.
Zu A. siehe auch den Eintrag „Besichtigung”, hier. (Diese frühere Wohnung in der Perleberger Straße ist inzwischen luxussaniert worden.)
Gebacken habe ich aber nur zwei Kuchen, eine Ostertorte aus Kampanien (ein Milchreiskuchen) und einen Polnischen Osterkuchen, für den sich meine Guglhupfform als zu klein erwies, jedenfalls tropfte viel Teig auf den Backofenboden.

Polnischer Osterkuchen. Zeichnung: V.R.

Schade, dass Ostern schon vorbei ist. Mindestens den Bremer Osterklaben, die Russische Mazurka, die Lombardische Osterpinza und das Griechische Osterbrot würde ich gern auch noch backen, aber das muss nun bis nächstes Jahr warten.

Meine Brüder murrten gutmütig über zu langsam servierten Kaffee und nicht plötzlich genug herbeigebrachte heiße Milch. Als Kaffee und Milch dann kamen, machten sie übertrieben „Oh!” und „Ah!”
Es war ein schöner Nachmittag, dürfen alle wiederkommen.

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Diese Haltestelle wird nicht bedient

„Kannzet nich finden?” pflegte meine Mutter zu sagen, wenn mich als Kind Stunden oder Momente der Verlorenheit plagten und keine Beschäftigung geeignet schien, um, ja was?
Nichts half, die Leere musste ausgehalten werden, still, rastlos.
Ich dachte heute daran, als eine Kundin die Neuerscheinungen durchsah, sie in die Hand nahm und wieder zurücklegte, sie durchsah, durch sie hindurchsah. Zuletzt sagte sie: „Ich kann mich nicht entscheiden” und ging fort.
Es war, als hätte sie mir eine Pantomime ihres Lebens gegeben.
Jemand anders freute sich darauf, Fussball zu gucken. „Ein bisschen muss man haben”, sagte der im Hinausgehen und wünschte mir einen schönen Tag, mit dem einen Zahn, der ihm noch geblieben war.
Einmal, bei einer kleinen Feier in der Buchhandlung, als die Anwesenden kurz vorgestellt wurden, hatte er sich zu mir gewandt, der ich auf der Treppe saß, noch eben am Rande seines Blickfelds, und mich gefragt, ob ich denn auch Heines „Die Wallfahrt nach Kevlaar” kennte?
Ich bestand die Prüfung, indem ich zitierte: „Am Fenster stand die Mutter, / Im Bette lag der Sohn. / ‚Willst du nicht aufstehn, Wilhelm, / Zu schaun die Prozession?’ – // ‚Ich bin so krank, o Mutter, / Dass ich nicht hör‘ und seh‘; / Ich denk an das tote Gretchen, / Da tut das Herz mir weh.’”
Bis dahin, weiter hätte ich nicht gewusst, aber er war schon zufrieden, und es hat ihn gefreut.
Ich erinnere mich an etwas anderes, das er gesagt hat, wieder so beiläufig: „Jede große Liebe stirbt – vor der Ehe oder in der Ehe.”
Das Adjektiv scheint hier wichtig zu sein. Ich würde mich dieser Auffassung nicht anschließen, aber mit Leuten, die eine Schwärze in sich haben, kann ich was anfangen.
Eines Tages werde ich eine Postkarte von meiner Zeichnung drucken lassen, die ich vor dreißig Jahren zu diesem Heine-Gedicht angefertigt habe, und die seit langem in der Sammlung zur Geschichte der Wallfahrt im Kevelaerer Museum hängt.

Wer weiß das schon

Aber eigentlich weiß ich nichts mehr von diesem Familienausflug nach Elkeringhausen 1974.
Frollein Sieren … Vielleicht war sie die Haushälterin von Onkel Fränz.
Ich war fünf, da darf man nicht viel Erinnerung erwarten.
St. Pius wurde abgerissen.
Es gibt einen Franz Schröer-Weg.
Ich erinnere mich an einen VW Variant, wir saßen da hinten drin.

In der Buchhandlung vermisste ein Herr seine Handschuhe. Er war schon vor der Tür gewesen, kam wieder herein und fragte nach seinen Handschuhen, grüne Lederhandschuhe. Wir sahen überall nach, keine Spur. In katholischen Gegenden würde man den heiligen Antonius von Padua anrufen, sagte ich, der sei für die verlorenen Gegenstände zuständig.
Sie werden lachen, ich habe diese Handschuhe in Padua gekauft! sagte er.

Als mein Großvater mit seiner Familie im Krieg nach Winnekendonk evakuiert wurde, drei Kilometer weiter über die Niers, befahl er sein Haus dem Schutz des heiligen Josef.
Ich hab Opa Schröer nicht mehr kennengelernt (überhaupt meine Großeltern), er starb 1951. Auch das alte Haus kannte ich nicht, 1967 wurde es niedergemacht. Es gibt dort jetzt einen Parkplatz. Es heißt, dass meine Mutter noch in der Küche saß, als die Abrissbagger schon in Wartestellung waren. Sie war da geboren worden und aufgewachsen.

Montag traf ich meine frühere Mitbewohnerin. Ich kam aus dem U-Bahn-Ausgang, Meierottostraße, und da stand sie mit ihrem Zwergpudel, als hätte sie auf mich gewartet. Sie hat mich als erste erkannt, sie hatte Glitzermakeup um die Augen, sehr hübsch. Eddie! begrüßte ich ihren Hund, der eifrig an mir hochsprang. Es war aber nicht Eddie, sondern Bubi. Wir haben uns zuletzt im November gesehen, sprach ich da zu Bubi (Eddies Bruder). Ja, sagte meine Freundin, aber er scheint sich noch an dich zu erinnern. Wir gingen ein Stück.
So überraschende Begegnungen – die auch das Überraschende an sich haben, dass sie einem ganz natürlich erscheinen – kommen immer mal wieder vor. Einmal stieg ich Blissestraße aus, wo ich jetzt nur noch selten bin, und als beinahe einzige Person auf dem Bahnsteig stand eine Freundin aus Kevelaer da, sie hatte sich in dem Moment materialisiert. Der Meinolf! rief sie. Wer hatte wen herbeigedacht?
Dit is Berlin.

Servicetweet

Google muss zerstört werden, das ist klar.
Google kann nicht zerstört werden: auch klar.
Verzichtbar ist es – immerhin – – bei der Suche, und beim Übersetzen.
Als Suchmaschine kann Qwant (https://www.qwant.com) Google ersetzen.
Als Übersetzungsmaschine leistet DeepL sehr gute Dienste (https://www.deepl.com/translator).
DeepL übersetzt aus den Sprachen und in die Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch und Polnisch.
Was den Widerstand gegen Google in Berlin betrifft, siehe hier:
https://fuckoffgoogle.de/de/front-page/#google-is-evil

Ich wäre ein guter Trappist

Ich möchte zur Abwechslung mal was längeres schreiben. Stellt euch vor, ihr bekommt einen Brief von mir. Das ist überraschend, unwahrscheinlich sogar, weil ich keine Briefe schreibe, oder nur vier im Jahr, aber erfreulich, davon gehe ich aus.
Wenn ich mehr als zehn Sätze schreibe, und das kann passieren, könnt ihr euch fragen, ob ich Quasselwasser getrunken habe oder ob es mir noch gut geht oder zu gut. Teilweise kann ich alles verneinen. Lieber wär mir, ihr vergesst zu zählen.
Ich sag Du, wenn’s recht ist. Wir könnten verwandt sein, oder wir kennen uns schon lange, oder vielleicht auch noch nicht so lang, aber sind uns einig, dass sich das Sie unter Umständen kratzig anfühlt, unangemessen kratzig.
Wenn ich ein Sie hinter mich lassen kann – außer im beruflichen Zusammenhang, denn ich sieze die Kundschaft, mit ganz wenigen Ausnahmen – bin ich immer erleichtert. Ich bin nur kein guter Zuerstduzer, das sollen die anderen übernehmen.
Wenn ich ein Sie hinter mich lassen kann?
mir …?
Aber das ist nicht die Geschichte.
Wenn es überhaupt meine Entscheidung ist, was die Geschichte ist und was nicht, wo das Ganze anfängt und wo es aufhört. Vielleicht sind wir schon mitten drin. Oder die Geschichte folgt erst morgen, und heute geht es erst noch darum, eine Schreibhaltung zu finden.

Mein Stilideal ist, wieder so zu schreiben, wie ich als Kind Briefe geschrieben habe: „Liebe Frau Sieren, wie geht es dir? Mir geht es gut.“ Und dann ellenlang darüber, was die älteren machen, über das Wetter, Süßkirschen, Pampasgras, Ferien auf Ameland, den lockeren Zahn und so weiter, so als würde Frau Sieren das alles interessieren und als würde sie sich bestimmt darüber freuen, es zu erfahren. Alles recht flott, oft auf billigem Papier – Computerendlospapier bekamen wir von den Freunden meiner Eltern, die im Nachbarstädtchen eine Computerfirma hatten – und bei Fehlern einfach durchstreichen und danebenschreiben, als wär nichts gewesen. […]

Ich hatte die Nummer 149. Ich stellte mich in ein rot markiertes Feld. Auf dem ersten Foto sollte die Nummer mit drauf sein. Der Fotograf, sportlich in Sneakern, sagte: „Kinn etwas hoch.”
Für das zweite Bild sollte ich lächeln. Etwas lächeln ist wie etwas sagen, nur ohne Worte. Ich verzog ein bisschen den Mund, das schien zu reichen.
Für das dritte Bild stellte ich die Beine versetzt und steckte eine Hand in die Hosentasche.
Mehr Bilder gab es nicht, sehr effizient. Jetzt hat die Agentur aktuelle Fotos von mir.
Meine Komparsenkarriere hat noch nicht richtig Fahrt aufgenommen, aber letztes Jahr habe ich einen Wutbürger gespielt und „PO LI ZEI – SCHLAM PEREI” gebrüllt, und Oliver Masucci fuhr langsam durch die Menge der Demonstranten und sein Blick spiegelte den Ernst der Lage. Das wurde ein paar Mal wiederholt.
Als mein Neffe hörte, dass ich in „Dark” mitgespielt habe, sagte er: „Wie geil ist das denn?!”
Meinem Bruder war das peinlich.
Ich kann übrigens gar nicht brüllen. Selbst laut sein fällt mir schwer.

Charlotte Warsen, Vom Speerwurf zu Pferde

es ging los mit dem abstrakten da war ich acht
Linus Westheuser, zitiert von Charlotte Warsen

Wer sagt denn, dass der Sinn eines Gedichtes in den Worten liegt? Vielleicht liegt er in der Form?

Umschlagbild: Renata Akrapović

Vom Speerwurf zu Pferde ist das Debüt von Charlotte Warsen. Bei seiner Veröffentlichung 2014 fand es wenig Aufmerksamkeit – Jan Kuhlbrodts Kritik im Signaturen Magazin und Fabian Thomas‘ Kritik bei Fixpoetry waren Ausnahmen (beide online). Darum mag es vertretbar sein, obgleich mit Verspätung, nun noch eine dritte Besprechung nachzuliefern, zumal ein zweiter Gedichtband angekündigt wird.

Ein Zyklus, „flu flu fieder“, so fluffig und fluid wie sein Name, steht am Anfang: zwölf zeichenartige Gedichte von zwischen fünfzehn und fünfunddreißig Wörtern Umfang, auf je drei Verse verteilt, kurz – lang – kurz. Einrückungen, Kursivierungen, Leerstellen und ein weitgehender Verzicht auf Satzzeichen – übrigens wiederkehrende Charakteristika der Gedichte in Vom Speerwurf – ergeben eine hohe formale Variabilität, Beweglichkeit und Vieldeutigkeit. Teilweise kehrt sich die Leserichtung um oder sie wird suspendiert. Die Sprache rückt selbst als Gegenstand ins Bild. Sie wahrt größtmögliche Abstraktheit, lässt Raum für Assoziationen, z.B. wenn in der Fügung „meine mode ist ganz hautig“ nicht nur ein Mit-der-Mode-Gehen aufgerufen wird (heutig), sondern auch Material (Leder) und Zuschnitt (skinny fit), und natürlich die Haute Couture.

[…]

Nach langer Pause habe ich wieder eine Kritik geschrieben, die in Kürze bei satt.org/literatur erscheinen wird. Die Schreibzeit von gut einem Jahr ist meiner 40-Stunden-Woche geschuldet, sorry for that.

Link zur vollständigen Kritik: http://www.satt.org/literatur/18_02_warsen.html
Auch bei textem: http://www.textem.de/index.php?id=2876

  • Charlotte Warsen, Vom Speerwurf zu Pferde. Gedichte. 78 Seiten, Klappenbroschur. luxbooks, Wiesbaden 2014. 19,80 Euro

Beginn der Umleitung

Den Kaffee von morgens trinke ich abends zu Ende, mit heißer Milch gemischt, er ist dann etwas mehr als lau. Leider wird die Milch schnell kalt. Nach Adam Riese ergibt sich daraus eine Trinktemperaturabfolge von heiß (erste Tasse am Morgen), lauwarm (erste Tasse am Abend) und kalt (zweite Tasse am Abend). Zugleich wird der Kaffee heller, weil ich vormittags geizig mit Milch bin und abends nicht mehr so. Jeder Abend ist ein Abend der Lässigkeit und des schönen Schlendrians.
Ich kann mich nicht dazu entschließen, neuen Kaffee aufzusetzen, bevor der alte ausgetrunken ist, aber das zweite Abendgetränk ist Tee, ein Heißgetränk, also was soll’s.
„Liebe ist ein Zustand von Mitgefühl, in dem Freundlichkeit regiert”, lautet (heute) der Spruch auf dem Fähnchen des Teebeutels. Ob das Yogi Bhajan gesagt hat, Yogi Bhajan, der Meister des Kundalini Yoga, wie auf der Teeschachtel erläutert ist?
„Die subtile Botschaft dieses Tees ist: ‚Liebe auf meiner Zunge’.”
Deswegen habe ich den Schokotee aber nicht auf das Förderband bei REWE gelegt, das hatte ich da noch gar nicht gelesen. Es hätte mich jedoch nicht vom Kauf abgehalten, obwohl ich skeptisch bin, geradezu ungläubig, was das betrifft. (Die Kassiererin wollte wissen, ob ich Paybackpunkte sammele; ich verneinte.)
Überhaupt bin ich vom Yogi Tea-Gewese nicht recht überzeugt, es scheint mir vor allem eine Geschäftsidee dahinterzustecken. Andererseits ist mir natürlich lieber, wenn harmlose und freundliche Ideen unter die Leute gebracht werden, statt gefährlicher und gehässiger Ansichten – die von ihren dummen Gegnern fahrlässigerweise mit dem Begriff „Gedankengut” getaggt werden. Da sage ich nur: Das Gedankengut der Antike: okay! Das Gedankengut der Wehrsportgruppe Hoffmann?
Wenn die 7 Minuten Ziehzeit um sind, ist der Tee immer noch heiß. Ich gieße etwas kalte Milch hinzu, aus geschmacklichen Gründen.
Dies alles ist unwichtig, aber es geschieht jeden Tag – vorausgesetzt, ich finde morgens die Zeit, Kaffee zu machen.