Intermezzo

Die Vögel haben verabredet, Nester zu bauen, ab heute, Sonntag. Gestern noch nicht, oder hab’s nicht bemerkt (Sabbat?). Ein Baumstumpf – geplündert. Fasern für weiche Bettung. Vielfältige Flugbewegungen (kontrolliert, keine Kollisionen), Graslandungen. Interessiertes Abschreiten des Grüns. Feines Gehacke in die Erdkrume. Da wippen auf kahlen Zweigen vier, die ich nicht kenne (Größe von Eichelhähern, ungefähr), beißen Sachen ab, Rindiges, Nestnützliches. Auch Kippenverwertung (allgemein, nicht dickichtspezifisch), Vögel sind da schmerzlos. Sonnenblumenkerne, Erdnusskerne und Fettfutter streue ich in einer lückenlosen Schicht ins Futterhaus, so genau streiche ich auch meine Butterbrote. Ich bin ein guter Vogelvater. Nestbau kostet Energie (eine Vermutung), dies ganze Hin und Her. Und dann –

Mein Festivalbesuch im Schnelldurchlauf (1)

Im Heimathafen Neukölln fanden gestern [gestern heißt hier Donnerstag, denn Freitag habe ich angefangen zu schreiben] die Konzerte 2 und 3 von Ultraschall Berlin statt.
Das New Yorker JACK Quartet spielte die Streichquartette von Clara Iannotta:
2. dead wasps in the jam-jar (III) (2017-2018)
1. A Failed Entertainment (2013)
4. You crawl over seas of granite (2019)
3. Earthing – dead wasps (obituary) (2019)
[Man sieht hier, das die im Programmheft abgedruckte chronologische Reihenfolge zugunsten einer logischen Reihung geändert wurde. Es ging los mit den Wespen, und es endete mit den Wespen, der Granit rückte an die dritte Stelle vor, und das „Entertainment” failte (nein, nicht) auf Platz zwei.]
Zum Konzert des Trio Accanto später, piano piano.
Drei der vier aufgeführten Stücke (2, 3, 4) kreisen um das Thema des Meeresgrunds („Von diesem wissenschaftlichen Feld bin ich wirklich besessen”, C.I.), um die „Vorstellung »der tiefsten Schicht im Ozean, wo ständiger Druck und ewige Bewegung das Stillstehen der Zeit zu formen scheinen«”.
Flageoletts, druckloses Wischen des Bogens (über das Griffbrett), hart kratzender Strich, knurrend (unterhalb des Saitenhalters), körperlose Pizzicati, farblos durchlaufende Geräuschbänder, Obertonflirren, Verwaschung, Auflösung, jähe Kompression – diese ‘ausdruckslose’, ausgebleichte, innerhalb ihres abgestuften Graubereichs aber wieder auch farbig schillernde Klangpalette, die die Dingfestigkeit konturierter Töne eher vermeidet, bildet den Zauberkasten von Clara Iannottas bildkräftiger Musik. Die ‘submarinen’ Effekte, die sie mittels der so geschaffenen Klangoberfläche erzielt, sind außerordentlich. (Hörempfehlung, außerhalb des Quartettzusammenhangs: Eclipse Plumage.) Ohne mich groß auszukennen, würde ich vermuten, dass in Clara Iannottas Komponieren Helmut Lachenmanns musique concrète instrumentale und die Musik der Spektralisten aufgenommen und in ein individuelles Idiom übersetzt wird – eine Individualität, auf die die Komponistin wert legt: sie kann stolz darauf sein.
A Failed Entertainment, das mir auf der gleichnamigen Iannotta-CD gut gefiel, fällt im direkten Vergleich mit den drei späteren Streichquartetten etwas ab. Die Meisterschaft vor allem von You crawl over seas of granite (eine Uraufführung) und Earthing – dead wasps (obituary), aber auch von dead wasps in the jam-jar (III), das ebenfalls stark ist, wird hier (noch) verfehlt, weil die Komponistin nicht vollständig ihrer Radikalität vertraut. Der Klangraum, den sie kreiert, klingt zwar schon ganz nach ihr – das Booklet erwähnt „die einbeziehung von tischglocken, einer vogelpfeife, eines styroporblocks und der präparation der streichinstrumente mit büroklammern” -, aber die Erweiterung des Spielgeräts wirkt wie etwas Aufgesetztes, ein Fremdkörper, der das Klangbild aufbricht anstatt es zu verdichten. Aber, wie gesagt, es kann auch ein ‘Fehler’ der Programmgestaltung sein. Wer weiß, wie sich das Werk in Nachbarschaft eines Brahms-Quartett ausnehmen würde.

Weiter
In diesen Tagen wurden die Streichquartette von Clara Iannotta für eine CD-Produktion aufgenommen, die im Laufe des Jahres in der Edition Zeitgenössische Musik erscheinen wird.
Jetzt schon lieferbar eine Porträt-CD mit dem Titel A Failed Entertainment (Edition RZ, Berlin 2015).
Ein Gespräch, das Leonie Reineke mit der Komponistin führte, kann hier nachgehört werden. Die vollständige (Lese-)Fassung („Clara Iannotta: Konstantes Unbehagen”) ist auf dieser Seite verlinkt.
Soundcloud: https://soundcloud.com/claraiannotta

Filme mit „Monsieur“ im Titel seh ich mir nicht an

Oder mit „Madame” oder „Ziemlich”.

Blogeinträge brauchen eine Überschrift, ich hab’s nicht erfunden.

Man erntet – warum verlangt das Deutsche in diesem Zusammenhang genau dieses Verb? – besorgte Blicke, wenn man sagt, man gehe zu(m) Ultraschall. Man muss dann gleich beruhigen: Nein, nein, zum Festival Ultraschall, „Festival für neue Musik”, wie es in der Eigenbezeichnung heißt, mit kleinem N, in Abgrenzung zur historischen Neuen Musik. – Das älteste hier aufgeführte Werk ist von 1965, die meisten Kompositionen stammen aus den letzten Jahren. (Wie beim Theater gibt’s bei der neuen Musik einen Uraufführungskult. Das Nachspielen bereits anderweitig uraufgeführter Werke: weniger beliebt. Das ist aber nicht das Problem von Ultraschall Berlin, das trotz einiger Uraufführungen kein Uraufführungsfestival ist. Lob dafür!)
Im Rückblick auf das gestrige Eröffnungskonzert hätte man sich aber doch Sorgen machen können. Der ursprünglich vorgesehene Dirigent war erkrankt, ein Kollege, Johannes Kalitzke, der für das Abschlusskonzert engagiert war, sprang ein und ritzte die Sache. Ein Probentag aber war verlorengegangen, und eines der Stücke, die hätten gespielt werden sollen, wurde gestrichen. Anstatt nun Sarah Nemtsovs dropped.drowned (2017) für großes Orchester und Zuspiel zweimal aufzuführen, was bei einer Spieldauer von 18 Minuten wenigstens zeitlich möglich gewesen wäre, blieb es bei einem – übrigens ausgezeichneten – Durchgang.
Nach der Pause wurde das 2. Violinkonzert (2018) von Jörg Widmann aufgeführt, mit Carolin Widmann als Solistin. Hier zeigte sich auf verblüffende Weise, dass das kalendarisch Neue nicht immer mit dem ästhetisch Neuen zusammengeht. Tatsächlich ist dies Violinkonzert gewerbsmäßige Repräsentationskunst, nicht grundsätzlich anders als irgendein ausgeliehener Ölschinken in einem Berliner Abgeordnetenbüro, neoromantisch im Geist, mit eingesetzten Krach-Blöcken und einigen avantgardistischen Applikationen, die man in anderem Zusammenhang als modern hätte klassifizieren können, die bei Jörg Widmann aber nur Dekor sind. Ich bedauere das sagen zu müssen, weil die Aufführung durch Carolin Widmann und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ganz tadellos war und der Komponist sein Handwerk versteht. Die Ästhetik des Werks aber ist höchst fragwürdig.
Jetzt freue ich mich auf den zweiten Ultraschall-Abend, der mit einem Konzert beginnt, das den vier Streichquartetten von Clara Iannotta gewidmet ist, einer 1983 geborenen, in Berlin lebenden Komponistin – Musik, die sich durch feine Klangtexturen, Sprödigkeit, Forscherneugier und Witz auszeichnet.

Strukturierte Abfragesprache

Für sieben von dreizehn Konzerten des an diesem Mittwoch beginnenden Ultraschall Berlin Festivals (das ich zum ersten Mal besuchen werde) habe ich mir Karten gekauft. Die kommende Woche wird für mich also ganz im Zeichen der Musik stehen, zum Nachteil der auf drei Tage gestauchten Erwerbsarbeit, der ich ansonsten übrigens gerne nachgehe.
Das Wochenende habe ich mir aber weitgehend freigehalten, weil eine Freundin aus Süddeutschland nach Berlin kommen wird, ein seltener Gast.
Außerdem findet am Samstag die jährliche Wir haben es satt-Demonstration für eine Wende in der Landwirtschaft statt; mit einer schwachen Ministerin Julia Klöckner (oder vorher Christian Schmidt, Ilse Aigner, Horst Seehofer usw.) natürlich nicht zu machen – auf die Nerven fallen muss man ihr trotzdem. Und mag’s nützen oder nicht: Meinen 60 Euro-Jahresbeitrag für die GLS Bank habe ich genau für diesen Zweck bestimmt: die Abkehr von der industriellen Landwirtschaft, die trotz ihrer verheerenden Folgen und Tatsachen (Verwüstung, Überfischung, Massentierhaltung, Insektensterben, Artensterben, Monokulturen, Hunger) immer noch ihre dummen, skrupellosen Fans in Bundesregierung, Europäischem Parlament und in den Landesregierungen hat.
Dennoch … ich weiß nicht, ob ich hingehe, tut mir leid. Es ist ja nicht nur Wochenende; ich habe auch den Wunsch nach Einzelnheit (was vielleicht damit zu tun hat, dass ich lange Zeit ein Zwölftel war) – das spräche dagegen, mich in die Masse zu begeben. Nur ein Zweitel könnte ich noch sein.
Außerdem macht mich die Ungeselligkeit Sa So dann wieder soziabel von Mo bis Fr, oder nicht?

Hier ein jüngerer Song (2018) von Róisín Murphy, den ich sehr gelungen finde. Das Video … meh, aber ohne war das Stück nicht zu bekommen. (Ich habe keine Antenne für Hedonismus. Er scheint mir unter allen denkbaren Umständen eine unangemessene Haltung.)

Mit SQL, Structured Query Language, habe ich mich heute abend schon befasst. Ich hatte letztes Jahr mit einem Tutorial angefangen, aber nicht lange durchgehalten, jetzt also noch mal von vorn. – Ein anderes Thema, mit dem ich mich beschäftige (dies aber während der Arbeitszeit), ist database normalization. Auch da könnte ein Tutorial nicht schaden, aber eins nach dem andern.
Vor einigen Tagen träumte ich davon, wie ich Reißnägel von der Straße aufhob.

Frohes Neues Jahr!

Mit diesem friedvollen Stück von Laura Jurd möchte ich allen Leserinnen und Lesern meines Blogs ein Gutes Neues Jahr wünschen! Hoffen wir, dass sich Güte, Vernunft und Menschlichkeit durchsetzen, nationale Grenzen verschwinden und immer mehr Erdbewohner einen brüderlichen, bewahrenden Umgang mit Tier und Natur pflegen und kultivieren.

Georg Leß Die Hohlhandmusikalität

Randnotizen.

Die Hohlhandmusikalität ein zweites Mal gelesen, Georg Leß‘ Rätselbuch. Dem Umschlagbild nach zu urteilen (Illustration: Andreas Töpfer) meint der Titel die Hohlform einer Hand, dargestellt durch einen leeren Handschuh. Le creux de la main, die hohle Hand, klingt an, und ich dachte auch, von wegen Musikalität, an die Guidonische Hand (s. Abb.) – vermutlich eine tote Spur.

Der Band ist in drei Teile gegliedert, die ihrerseits unterteilt sind: 2 – 3 – 2.

Eine Serie von (zweiundzwanzig) „Wirbel” genannten Gedichten zieht sich durch das ganze Buch, dazu kommt eines mit dem Titel „gegen die Wirbel”, das zu einer weiteren Serie gehört – der „gegen”-Serie (sechzehn Gedichte) -, und eines: „Wirbel / Abhängen der Wirbel”.
Die Bezeichnung „Wirbel” mag mit der frühen Avantgarde des Vortizismus zusammenhängen („Der Vortizismus wandte sich gegen realitätsnahe Darstellungen in der Kunst, verneinte ihren moralischen Auftrag und bestand auf der Autonomie des Kunstwerks.” – Das würde passen, um so mehr, als der Ausdruck „Wortizist” hier buchstäblich vorkommt – aber ließe es sich nicht auch von der Theorie des L’art pour l’art sagen?). Ein Bezug zu den vierundzwanzig Wirbeln des Menschen läge ebenfalls nahe, zumal die „Wirbel”-Gedichte jeweils mit Ordnungszahlen versehen sind, und wenn ich wählen müsste: Ich würde die Knochenkarte ziehen.
Manche Texte sind, neben ihrem Titel, genauer bezeichnet als: Schlager, Kinderlied, Seefahrtslieder, Hochzeitslied. Keine dieser Liedarten würde man bei Georg Leß vermuten. Eine Irreführung? Ein Spaß?
„Die Nacht nach dem Horrorfilmabend” oder „Die fleischfressenden Lampen”, das klingt schon eher nach dem Verfasser von Schlachtgewicht, Leß‘ Debüt von 2013. (Elf Gedichte nur, und jedes ein Meisterstück.)

In Die Hohlhandmusikalität lässt sich der Dichter nicht in die Karten gucken. Die vierundsechzig Gedichte, die der Band zählt, sind (fast ausnahmslos) verschlossen wie ein Strichmund, die in sie eingeschleusten lebensweltlichen, auch biographischen Bezüge ergeben nur in seltenen Fällen ein Bild, das sich mit außerhalb der Gedichte liegenden Gegebenheiten vergleichen ließe: Kinobesuche kommen vor, Filmtitel, Filmreihen werden benannt, auch das Sauerland – Georg Leß stammt aus Arnsberg – hat einen Erkennungswert, ebenso der „Besuch bei den Großeltern” oder eine Fahrt mit dem Auto. […]

Georg Leß, Die Hohlhandmusikalität. Gedichte. 96 Seiten, Klappenbroschur. kookbooks, Berlin 2019. 19,90 Euro (= Reihe Lyrik Band 62)

Die Knetmasse des Hier und Jetzt

„Ich weiß sehr wohl, wie widersprüchlich man sein muss, um wirklich konsequent zu sein.” – Pier Paolo Pasolini. Dies Zitat auf dem Umschlag des Katalogs P.P.P. – Pier Paolo Pasolini und der Tod kam mir wieder in den Sinn, als ich neulich am selben Tag eine Tageskarte für das Ultraschall Berlin Festival kaufte und mir einen Auftritt (im Bauhaus Weimar) von Alice Merton und Band anguckte (im Internet). Wie hübsch sie ist! Sympathisch obendrein! – Ich musste auch an Freundin H. und ihre grundlose Unterstellung denken, mein Musikgeschmack richte sich nach dem Aussehen der Sängerin.

Das Jahr geht zu Ende, adieu.
Wie immer war es aus Kontinuitäten und Diskontinuitäten zusammengesetzt. Wie immer war ich Hoffer … – klüger wär’s, in Brennesseln zu greifen.
Ich will lernen, die Zukunft zu vergessen.
Her mit dem, was da ist!
Was ist da? Na, 1) heute zum Beispiel, Stunde um Stunde langsam abrollend, und 2), soweit gegenwärtig: das Vergangene. Reicht doch dicke.

Musikempfehlungen 2019:
Laura Jurd Stepping Back, Jumping In
Julia Kadel Trio Kaskaden
Angelika Niescier New York Trio feat. Jonathan Finlayson
Lisbeth Quartett There Is Only Make*
Kris Davis Diatom Ribbons
Ingrid Laubrock Contemporary Chaos Practices
Cate Le Bon Reward
Aldous Harding Designer

Von den wenigen Büchern, die ich gelesen habe, halte ich vor allem die Gedichte in Ehren (Marion Poschmann, Tristan Marquardt, Sonja vom Brocke, Tom Bresemann, Kenah Cusanit, Georg Leß, Arnold Maxwill, Sina Klein), auch die Romane/Prosabücher von Céline Minard (Das große Spiel), Annie Ernaux (Der Platz) und Julia Deck (Propriété Privée): lesenswert! – während ich mir von Raphaela Edelbauers Das flüssige Land, das ich zuletzt las, mehr erwartet hätte, sprachlich und formal. Dreihundertfünfzig Seiten konventionell verfasster Prosa braucht kein Mensch und sind verzichtbar wie irgendeine Oper oder Beethovens Neunte. (Ich fürchte, das Lektorat murkst die Originalität seiner Schutzbefohlenen ab. Vielleicht ist auch der Deutsche Literaturfonds schuld. Alles soll marktkonform sein.)

* Das Album ist von 2017, aber ich habe es erst dies Jahr gehört.